Kein Achill, kein Hektor, keine Helden

Ein Monolog über die Folgen deutscher Waffenexporte und die Rolle von Moral und Verantwortung

Der folgende Bühnentext von Ismail Küpeli ist im Rahmen von «Ich, Europa. Europa in 11 Texten» entstanden. Die Uraufführung fand am 13. Oktober 2018 am Schauspiel Dortmund statt. Der Monolog beschäftigt sich mit den Folgen deutscher Waffenexporte und fragt danach, welche Rolle Moral und Verantwortung für politisches Handeln spielt und spielen sollte. Thematisiert wird auch die staatliche Gewaltpolitik in der Türkei gegen die kurdische Bevölkerung.

https://www.rosalux.de/fileadmin/images/Dossiers/Tuerkei/IchEuropaB%C3%BChnenbild.jpgIch, Europa, feierte am 9. November 1989, als die Grenzmauer fiel, die Deutschland und Europa für 28 Jahre gespalten hatte. Viele Menschen starben bei dem Versuch, sie zu überwinden und viele Waffen wurden aufgefahren, um die Mauer und die Spaltung Europas aufrechtzuerhalten. Nun konnte ich endlich auf echten Frieden hoffen und nicht nur darauf, dass die Waffenträger*innen auf beiden Seiten aus Angst vor der gegenseitigen völligen Zerstörung zögerten, ihre Waffen einzusetzen.

Es war eine naive Hoffnung. Weder die Waffen verschwanden, nur weil der Systemfeind verschwunden war, noch kam es zu einem Frieden in Europa, ganz im Gegenteil. In Jugoslawien folgte auf den Kalten Krieg ein brutaler Bürgerkrieg und all die Waffen, die für einen Krieg mit äußeren Feinden produziert und gehortet worden waren, wurden nun gegen Nachbarn und Arbeitskolleg*innen eingesetzt. Jahrelang wurden Menschen niedergemetzelt, gefoltert und vertrieben, bis ein kalter Frieden durchgesetzt war. […]

Weiterlesen: Kein Achill, kein Hektor, keine Helden (Rosa-Luxemburg-Stiftung, 19. September 2019)

Kein Platz für linke Bürgermeister in der «neuen Türkei»

In der Türkei geht die Repression gegen die linke Partei HDP weiter

Wie bereits von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan vor den Kommunalwahlen am 31. März dieses Jahres angekündigt, wurden nun, am 19. August, die Oberbürgermeister*innen der linken HDP in Amed (Diyarbakır), Mêrdîn (Mardin) und Wan (Van) abgesetzt und durch staatliche Verwalter ersetzt. Die Polizei unterband gewaltsam die Proteste gegen diese Maßnahme. Die AKP-Regierung rechtfertigt die Absetzung der Oberbürgermeister*innen mit vagen Terrorismus-Vorwürfen. Konkrete Indizien oder gar Beweise dafür liegen bisher nicht vor. In der regierungsnahen Presse sind verschiedene Verdächtigungen zu lesen, die aber allesamt nicht belegt werden. […]

Dies sollte nicht dazu verleiten, die Probleme der AKP-Regierung zu überzeichnen und die Schwierigkeiten einer gemeinsamen Oppositionsbewegung kleinzureden. Ebenso sollte nicht vergessen werden, dass die Türkei nach wie vor eine Autokratie ist, in der demokratische und rechtsstaatliche Prinzipien kaum mehr Geltung haben. Allerdings geben die sichtbar gewordenen Risse innerhalb der AKP und die neue Positionierung der CHP gegenüber der HDP Anlass für einen vorsichtigen Optimismus.

Weiterlesen: Kein Platz für linke Bürgermeister in der «neuen Türkei» (Rosa-Luxemburg-Stiftung, 23. August 2019)

Beitrag im Sammelband “Die Türkei am Scheideweg”

Das Sammelband “Die Türkei am Scheideweg”, herausgeben von der Solidaritätskampagne #FreeMaxZirngast, ist jetzt mit einem Beitrag von mir (“Die Türkei gehört den Türken”) erschienen:

“Die Türkei befindet sich auf einem Weg in eine ungewisse Zukunft: Freude und massenhafte Kreativität von Gezi 2013, der Aufschwung der Frauenbewegung und Aufstieg der pro-kurdischen linken HDP stehen permanentem Krieg, Militärputsch, Präsidialdiktatur und ausufernder Repression des Regimes gegen alles Oppositionelle gegenüber. Max Zirngast, gebürtiger Österreicher, Journalist, Student und sozialistischer Aktivist, ist aus Interesse in das Land gezogen, hat sich dessen Sprachen und kulturelle Besonderheiten angeeignet. Aus diesem Blickwinkel heraus hat er zahlreiche politische Artikel zur Türkei, zu den USA, zu Europa und zu Kunst und Kultur auf Englisch, Deutsch und Türkisch verfasst. Wie so viele oppositionelle und kritische Menschen sitzt er nun seit dem 11. September 2018 in Ankara im Gefängnis. Ihm wird die „Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation“ vorgeworfen. Dieser Band versammelt seine Artikel und liefert Hintergründe zu den Umständen seiner Inhaftierung.”

Solidaritätskampagne #FreeMaxZirngast (Hg.) (2019): Die Türkei am Scheideweg und weitere Schriften von Max Zirngast. edition assemblage, Münster.

Streitbar #3: Linker Populismus – Chancen und Gefahren linker Sammelbewegungen

“Ausnahmsweise gab es bei unserer dritten Streitbar weniger Streit und mehr Harmonie auf dem Podium als sonst. Denn darin, dass „linker Populismus“ problematisch ist, waren sich Ismail Küpeli, Norma Tiedemann und Sebastian Winter einig. Kontrovers war die Diskussion über Chancen und Gefahren linker Sammelbewegungen trotzdem.

Sebastian Winter wies darauf hin, dass Populismus sozialpsychologisch vor allem über die affekthafte Konstruktion von “Wir” gegen “die Eliten” funktioniert. Norma Tiedemann argumentierte, dass die Benennung von konkreten Herrschaftsverhältnissen deshalb noch lange nicht problematisch sein muss. Dem Populismus, der Chantal Mouffe verschwebt, setzte sie das Konzept einer Mobilisierung zur Selbstorganisierung entgegen. Ismail Küpeli machte den Begriff der Solidarität stark und verwies darauf, dass dieses nicht im Widerspruch dazu steht, innerlinke Konfliktverhältnisse z.B. über Rassismus oder Geschlechterverhältnisse auszutragen.”

Wie und Warum wird die Auseinandersetzung mit Antisemitismus in der Linken abgewehrt?

Bildungsstätte Anne Frank: “Wie und Warum wird die Auseinandersetzung mit Antisemitismus in der Linken abgewehrt? Das erklärt Ismail Küpeli im Interview zu unserer Sonderausstellung „Das Gegenteil von Gut“: „Viele Linke haben ein Selbstverständnis davon, was ‚Linkssein‘ bedeutet, nämlich dass es quasi ein ‚Ticket‘ sei, ein ‚Freifahrtschein‘ für viele Bereiche. Also wer links ist, kann natürlich kein Rassist sein, ist natürlich kein Judenfeind, ist natürlich kein Sexist und vieles mehr.“

Kommunalwahlen in der Türkei: Stimmungsbilder der Autokratie

Die Kommunalwahlen am 31. März 2019 in der Türkei waren die ersten landesweiten Abstimmungen nach der formellen Errichtung des autokratischen Präsidialsystems. Bereits im Vorfeld zeichnete sich ab, dass die Wahlen manipuliert werden würden. Darüber hinaus drohte Staatspräsident Erdogan an, mögliche Wahlsiege der linken HDP faktisch annullieren zu lassen und die gewählten Bürgermeister*innen der HDP durch staatliche Zwangsverwalter zu ersetzen.

Wahlmanipulationen und Wahlfälschungen unterschiedlicher Art sind in der Türkei keineswegs etwas Ungewöhnliches. Insbesondere dass die jeweiligen Regierungsparteien staatliche Ressourcen wie etwa Sendezeit in den staatlichen Fernsehsendern für den Wahlkampf nutzen und damit einen fairen Wettbewerb mit den Oppositionsparteien aushebeln, ist seit vielen Jahrzehnten eine übliche Praxis. […]

Weiterlesen: Kommunalwahlen in der Türkei: Stimmungsbilder der Autokratie (Rosa-Luxemburg-Stiftung, 1. April 2019)

Sieg über den IS – Gefahr für Rojava

Nach der Zerschlagung des «Islamischen Staates» als Territorialmacht droht die Offensive der türkischen Armee in die «Demokratische Föderation Nordsyrien»

Mit der offiziellen Ankündigung, dass das letzte vom so genannten Islamischen Staat (IS) kontrollierte Gebiet bei Baghouz von den «Syrischen Demokratischen Kräften» (SDF) befreit und damit der IS als Territorialmacht in Syrien zerschlagen wurde, tritt der Kampf gegen den IS in eine neue Phase. Gleichzeitig werden neue und alte Gefahren für die «Demokratische Föderation Nordsyrien» (Rojava) sichtbar, so etwa die drohende Offensive der türkischen Armee. Da bleibt nur wenig Zeit für große Siegesfeiern.

Nachdem in den vergangenen Wochen tausende Zivilist*innen das Gebiet rund um die Ortschaft Baghouz verlassen und hunderte IS-Kämpfer sich den SDF-Truppen ergeben hatten, begann die SDF eine letzte Offensive auf Baghouz. Nach nur wenigen Tagen, am 23. März 2019, verkündete Mustafa Bali, Sprecher der SDF, dass die Ortschaft eingenommen worden ist. Seither kann von einem «Islamischen Staat» als politisch-territoriales Projekt nicht länger die Rede sein. […]

Weiterlesen: Sieg über den IS – Gefahr für Rojava (Rosa-Luxemburg-Stiftung, 26. März 2019)