Kurze Geschichte der Türkischen Republik: Durch Vernichtung und Vertreibung zum ethnisch homogenen Nationalstaat

[ Eine geplante Vortragsrundreise ab 2018, Anfragen bitte an: Ismail.Kuepeli@ruhr-uni-bochum.de ]

Der Konflikt zwischen dem türkischen Staat und der kurdischen Bevölkerung ist einer der entscheidenden Faktoren, die die Geschichte und Gegenwart der Türkei bestimmen. Die politischen Debatten und Entscheidungen in vielen sehr unterschiedlichen Bereichen von der Bildungspolitik bis hin zur Außenpolitik lassen sich auf die sogenannte „Kurdenfrage“ zurückführen. Darüber hinaus ist der Konflikt für die geschichtliche Entwicklung und die aktuelle Lage des gesamten Nahen und Mittleren Ostens bedeutend. Dies nicht zuletzt dadurch, dass kurdische Bevölkerungsgruppen in vielen Staaten existieren und in vielen Staaten politisch relevante AkteurInnen hervorgebracht haben.

Die Geschichte des Konflikts zwischen der Türkei und der kurdischen Bevölkerung muss aufgearbeitet werden, um die gegenwärtigen Konflikte zu verstehen. Bisher konzentrierte sich die politische und wissenschaftliche Beschäftigung mit dem „Kurdenkonflikt“ auf die Gegenwart. Da eine historische Perspektive fehlt, bleiben die Verbindungen zwischen der staatlichen Homogenisierungspolitik der Türkei und den kurdischen Aufständen in den 1920er und 1930er Jahren vielfach unterbelichtet. Unbeachtet sind so die möglichen Auswirkungen dieser Entwicklung für die gegenwärtige politische Lage.

Die Etablierung eines türkischen Nationalstaats, einschließlich der Schaffung einer türkischen Nation ging einher mit der Vernichtung, Vertreibung und Marginalisierung von nicht-muslimischen und nicht-türkischen Bevölkerungsgruppen. Die Kurden waren als die letzte große nicht-türkische Gruppe in der Türkei das Haupthindernis für das kemalistische Staatsprojekt einer homogenen türkischen Nation. Zuvor waren die christlichen Bevölkerungsgruppen als nicht-türkisch deklariert worden der Vernichtung und Vertreibung ausgesetzt. Der Genozid an den Armeniern 1915 und die Vertreibung der übrig gebliebenen christlichen Bevölkerung im sogenannten „Türkischen Befreiungskrieg“ (1919-1923) sind zentrale Säulen dieser Gewaltpolitik. Die Kurden dagegen sollten als eigenständige Bevölkerungsgruppe aufgelöst und in die türkische Nation assimiliert werden. Dagegen wuchs Widerstand seitens der Kurden und in den kurdischen Gebieten im Osten der Türkei kam es immer wieder zur Aufständen, Militäroffensiven und Vertreibungen.

Der Politikwissenschaftler und Historiker Ismail Küpeli skizziert die bis heute nicht aufgearbeitete und in der Türkei selbst tabuisierte Geschichte der gewaltsamen Schaffung der Türkei und macht die Verbindungen zu den heutigen Konflikten deutlich. (PDF)

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Dissertation: Die kurdischen Aufstände in der Türkei der 1920er und 1930er Jahre

Das Promotionsprojekt “Die kurdischen Aufstände in der Türkei der 1920er und 1930er Jahre” ist am Institut für Diaspora- und Genozidforschung (Ruhr-Universität Bochum) angesiedelt und wird durch ein Stipendium der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert. Vorträge und Texte zu den Themenfeldern der Dissertation sind möglich. Anfragen bitte an: Ismail.Kuepeli@ruhr-uni-bochum.de.

Der Konflikt zwischen dem türkischen Staat und der kurdischen Bevölkerung ist einer der entscheidenden Faktoren, die die Geschichte und Gegenwart der Türkei bestimmen. Die politische Debatten und Entscheidungen in vielen sehr unterschiedlichen Bereichen von der Bildungspolitik bis hin zur Außenpolitik lassen sich auf die sogenannte „Kurdenfrage“ zurückführen. Darüber hinaus ist der Konflikt für die geschichtliche Entwicklung und der aktuellen Lage des gesamten Nahen und Mittleren Ostens bedeutend. Dies nicht zuletzt dadurch, dass kurdische Bevölkerungsgruppen in vielen Staaten existieren und in vielen Staaten politisch relevante AkteurInnen hervorgebracht haben, wie etwa neben der Türkei in Syrien und im Irak.
Die Geschichte des Konflikts zwischen der Türkei und der kurdischen Bevölkerung muss aufarbeitet werden, um die gegenwärtigen Konflikte zu verstehen. Bisher konzentriert sich die politische und wissenschaftliche Beschäftigung mit dem „Kurdenkonflikt“ auf die Gegenwart ohne eine historische Perspektive. So bleiben die Verbindungen zwischen der türkischen staatlichen Homogenisierungspolitik und den kurdischen „Aufständen“ in den 1920er und 1930er Jahren vielfach unterbelichtet und die möglichen Auswirkungen dieser Entwicklung für die gegenwärtige politische Lage unbeachtet. Dabei wird „Aufstände“ in Anführungszeichen gesetzt, weil es sich in den meisten Fällen, die in der Literatur als Aufstände bezeichnet werden, um keine Aufstände sondern um Militäroperationen des türkischen Nationalstaates handelt, die mit angeblichen Aufständen oder Rebellenaktivitäten legitimiert werden sollen.

Vom Osmanischen Reich zur Türkischen Republik

Die Türkische Republik wurde 1923 auf dem Restgebiet des Osmanischen Reiches gegründet. Zuvor hatte die jungtürkische Regierung (1908-1918) versucht, das multiethnische und multireligiöse Reich durch die Vernichtung der armenischen Bevölkerung und die Türkisierung der muslimischen Bevölkerung zu einem türkischen Nationalstaat umzuwandeln. Während mit dem Genozid 1915 die Vernichtung der ArmenierInnen weitgehend vollzogen war, scheiterte die Transformation in einem Nationalstaat, nicht zuletzt durch die Niederlage des Reiches im 1. Weltkrieg. Die Kemalisten als die nachfolgende türkisch-nationalistische Bewegung agierten deutlich geschickter hierbei. Der junge Nationalstaat unter kemalistischer Führung vertrieb im sogenannten „Türkischen Befreiungskrieg“ (1919-1923) die übrig gebliebene christliche Bevölkerung des Osmanischen Reiches weitgehend und sichert so eine deutliche muslimische Dominanz in der Restbevölkerung. Unter den Vertriebenen waren neben Überlebende des Genozids an den Armeniern 1915 die christlichen Bevölkerungen in Westanatolien und Thrakien. Sowohl der Genozid 1915 als auch die Vertreibung der christlichen Bevölkerungen 1919-1923 wurde von den muslimischen Eliten und Bevölkerungsgruppen getragen. Diese muslimische Einheit in der „Scharnierphase“ in der Spätphase des Osmanischen Reiches wurde spätestens mit der Gründung der Republik 1923 abgelöst durch die Vorstellung einer einheitlichen türkischen Nation, neben der es in der Türkischen Republik keinen Platz gab für andere Bevölkerungsgruppen. Dieses Paradigmenwechsel war nicht unbestritten. Das Haupthindernis für die Schaffung einer einheitlichen türkischen Nation bildeten die Kurden, die zwar durch unterschiedliche Religionen und Sprachen keine Einheit bildeten, aber trotzdem von dem türkischen Nationalstaat als eindeutig anders und als nicht-türkisch gesehen wurden. Die bis heute ungelöste „Kurdenfrage“ wurde in der historischen Phase zwischen der Gründung der Republik 1923 und die Niederschlagung der letzten kurdischen „Aufstände“ 1938 entscheidend geprägt.
Die Etablierung eines türkischen Nationalstaats, einschließlich die Schaffung einer türkischen Nation, ging einher mit der Vernichtung, Vertreibung und Marginalisierung von nicht-muslimischen und nicht-türkischen Bevölkerungsgruppen. Die Schaffung einer türkischen Nation wurde allerdings nicht nur durch Vernichtung und Exklusion vorangetrieben, sondern ebenfalls mit diskursiven Mitteln, nämlich mittels Narrative und Leitbilder. Sie dienten dazu, staatliche Politiken zu legitimieren. So wurde etwa die ethnisch-religiöse Homogenisierungspolitik durch das Narrativ der fehlenden nationalen Einheit als Hindernis für eine erfolgreiche Modernisierung legitimiert.
Die Narrative und Leitbilder sind keineswegs fest und unveränderlich. So wurde etwa die panturkistische und turanistische Utopie eines großtürkischen Reiches von Ostchina bis nach Mitteleuropa, das während der Jungtürken-Regime (1908-1918) dominierte, in der kemalistischen Republik (ab 1923) durch die Vorstellung einer Türkei ersetzt, die sich im Wesentlichen auf Anatolien beschränkt. Dieser diskursive Übergang zu der von einem großtürkischen Reich zu einer Türkei in Anatolien dadurch erklären, dass die kemalistische Strategie daraus bestand, die bestehenden Gebiete zu turkisieren, statt eine expansive Außenpolitik zu betreiben.
Die Narrative über zu bewältigende Defizite, damit einhergehende Forderungen nach nationaler Homogenisierung wurden dann in Strategien zu Erreichung einer solchen Homogenisierung und der konkreten politischen Maßnahmen des türkischen Staates überführt. Anders gesagt: Wenn die Utopie einer türkischen Heimat in Anatolien durchgesetzt werden sollte, dann wurde nach adäquaten strategischen Ansätzen und konkreten Maßnahmen gesucht, mit denen andere Bevölkerungsgruppen verdrängt und eine türkische Dominanz in Anatolien herbeigeführt werden konnte.
Die „ethnische Säuberungen“, Massaker, Deportationen und Umsiedlungen sind Bestandteile dieser Strategien des türkischen Staates. Die Reduzierung von bestimmten Bevölkerungsgruppen zur „Minderheiten“ ist eine Folge dieser Gewaltpolitiken. In zahlreichen Regionen hatten nicht-türkische Bevölkerungsgruppen die Mehrheit gestellt, bis dies durch Massaker und Umsiedlungen geändert wurde.

1925-1938

Die Kurden waren als die letzte große nicht-türkische Gruppe in der neuen Republik das Haupthindernis für das kemalistische Staatsprojekt einer homogenen türkischen Nation. Anders als bei den anderen Bevölkerungsgruppen, wie etwa den Nicht-Muslimen, war der Versuch einer Vertreibung oder Vernichtung aus staatlicher Perspektive kaum praktikabel. Kurden stellen die Mehrheit der Bevölkerung in den östlichen Regionen und die kurdischen Eliten verfügen über politische und militärische Erfahrungen und Mittel. Der türkische Staat musste hier anders vorgehen. Die unausgesprochene Kompromissformel zwischen Staatsführung und kurdischen Eliten lautete: Der Staat verzichtet darauf, die loyalen kurdischen Eliten gänzlich zu entmachten und belässt ihnen eine intermediäre Position (Staat → kurdische Eliten → kurdische Bevölkerung), gleichzeitig müssen die kurdischen Eliten loyal zum neuen Staat sein und so darf die Behauptung der Nichtexistenz einer eigenständigen kurdischen Bevölkerungsgruppe nicht in Frage gestellt werden. Anders gesagt: Gleichzeitig wurde ein Teil der kurdischen Eliten kooptiert und die Kurden als eine eigenständige soziale Gruppe offiziell negiert.
Der Aufbau der staatlichen Strukturen ging einher mit einem relativen und schleichenden Machtverlust für die bisherigen kurdischen Führungsfiguren. Die Mehrheit der Stammesführer und Scheichs nahm dies hin – nicht zuletzt weil die Alternative eine umgehende und vollständige Exklusion aus dem Machtapparat wäre. Nur wenige Anführer mobilisierten die kurdische Bevölkerung zu Aufständen – kaum in den Städten, hauptsächlich in den ländlichen Regionen. Ihre Aufrufe basierten auf ungerechter Behandlung der Kurden und auf religiös-traditionellen Motiven. Die Mobilisierungen blieben begrenzt auf die eigene unmittelbare Anhängerschaft und hatten wenig Ausstrahlungskraft für „fremde“ kurdische Akteure (etwa in den Städten oder anderen Regionen). Die Aufstände auch mit Hilfe von kurdischen Akteuren niedergeschlagen (wie etwa alevitische Stämme beim Scheich-Said-Aufstand 1925). Für die kurdischen Eliten war die Frage wichtiger, wie sie ihre eigene Macht innerhalb des politischen Systems der Türkischen Republik sichern können, als das Ideal einer vermeintlichen nationalen Zusammengehörigkeit.
Die Aufstände und Rebellionen wurden nur in wenigen Fällen tatsächlich geplant und ausgelöst, mehrheitlich waren sie Reaktionen auf und Abwehr der staatlichen Angriffe. Von Planung und Organisierung lässt sich lediglich beim Scheich-Said-Aufstand 1925 und Ararat-Aufstand 1930 sprechen, in meisten Fällen nicht. Die überwiegende Mehrheit der „Aufstände“ sind, wie etwa Kocusagi (Dersim) 1926, Mutki 1927, Bicar 1927, eher Militäroffensiven der Türkei, die mit vermeintlichen Rebellionen der Kurden legitimiert wurden. Das Vorgehen der türkischen Armee ähnelt sich vielfach: Aus relativ geringfügigen Gründen (Steuern nicht bezahlt, Wehrdienstverweigerer, Raubüberfälle/Viehdiebstahl) wird die Vertreibung/Bestrafung der Bevölkerung in einer Region beschlossen. Die Dörfer werden zerstört, gefangengenommene Männer werden sofort vor Ort erschossen, Flüchtende ebenfalls getötet, Frauen und Kinder abtransportiert (wobei beim Transport ebenfalls viele getötet werden). Anschließend werden alle Gebäude, Felder und bewohnbare Höhlen zerstört und das Gebiet komplett entvölkert.
Diese Militäroffensiven wurden begleitet von einem gesamtpolitischen Vorgehen des türkischen Staates: 1925 wurde der „Takrir-i Sükûn Kanunu“ („Gesetz zur Sicherung der öffentlichen Ruhe“) beschlossen und die „Istiklal Mahkemeleri“ („Unabhängigkeitsgerichte“) etabliert, mit denen Bürgerrechte und Pressefreiheit ausgesetzt und die politischen Opposition (auch im Parlament) ausgeschaltet wurde.
Mit dem „Iskan Kanunu („Ansiedlungsgesetz“, 1934) wurde das Staatsgebiet in vier Regionen aufgeteilt: (a) Regionen, in denen Türken ansiedelt werden sollen und die bisherige Bevölkerung teilweise vertrieben werden soll (b) bereits türkisierte Regionen, in denen nicht-türkische Bevölkerungsgruppen aus Region (a) zerstreut assimiliert werden können, (c) Regionen, in denen keine Ansiedlung gewünscht ist.
Das Eindringen des Staates und die Vertreibung der kurdischen Bevölkerung war immer wieder umkämpft, zuletzt 1937/1938 in Dersim. Dersim als widerständige Region mit schwacher staatlicher Präsenz wurde nach langer Planung vom türkischen Staat angegriffen. Jeglicher Widerstand wurde brutal zerschlagen und die Bevölkerung getötet oder vertrieben.
Danach gab es keine nennenswerten Kämpfe zwischen kurdischen Akteuren und der türkischer Armee bis in die 1970er Jahre. So galt bis in 1960er ein Kompromiss, der nicht ausgesprochen wurde aber trotzdem gültig war: Der türkische Staat kooptierte die loyalen kurdischen Eliten in das neue politische System, etwa durch die Gewährung von Parlamentssitzen. Die faktische Macht, die lokale Eliten hatten, wurde institutionalisiert und mit den Strukturen der Republik in Einklang gebracht. Im Gegenzug akzeptierten die kurdischen Eliten die offizielle Redeweise, die die Existenz der Kurden leugnete und von einem monoethnischen, türkischen Staat sprach. Sie verzichteten ebenfalls auf Forderungen wie etwa nach der Anerkennung der kurdischen Sprache oder der Schaffung eines Minderheiten- oder Autonomiestatut für die Kurden.

Ismail Küpeli

Kurzdarstellung des Promotionsprojektes “Die kurdischen Aufstände in der Türkei der 1920er und 1930er Jahre” (PDF)

Das Promotionsprojekt “Die kurdischen Aufstände in der Türkei der 1920er und 1930er Jahre” ist am Institut für Diaspora- und Genozidforschung (Ruhr-Universität Bochum) angesiedelt und wird durch ein Stipendium der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert. Vorträge und Texte zu den Themenfeldern der Dissertation sind möglich. Anfragen bitte an: Ismail.Kuepeli@ruhr-uni-bochum.de.

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“Marsch für Gerechtigkeit”: Zu wenig, zu spät?

Die Kemalisten entdecken die Gerechtigkeit

Sehr lange hatte die türkische Oppositionspartei CHP keinen wirksamen Widerstand gegen das repressive und autoritäre Vorgehen der AKP-Regierung geleistet. Im Gegenteil: Die Aufhebung der Immunität der Abgeordneten der prokurdischen Partei HDP geschah mit Unterstützung der CHP im Parlament. Nun wurde auch ein CHP-Abgeordneter verhaftet und die Kemalisten rufen zu einem «Marsch für Gerechtigkeit» auf.

Weiterlesen: “Marsch für Gerechtigkeit”: Zu wenig, zu spät? Rosa-Luxemburg-Stiftung, 30. Juni 2017.

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Kein Platz für kritische WissenschaftlerInnen in der Türkei

Entlassene Staatsbedienstete fordern mit drastischen Maßnahmen ihre Stellen zurück.

Seit Juli 2016 herrscht in der Türkei der Ausnahmezustand. Die Bürgerrechte sind stark eingeschränkt und die Regierung hat im Vorgehen gegen die Opposition weitgehend freie Hand. Über 100.000 Menschen wurden bislang festgenommen und mehr als 50.000 inhaftiert. Aber auch für diejenigen Oppositionellen, die nicht in die längst überfüllten Gefängnisse kamen, ist die Lage oft menschenunwürdig. […]

Weiterlesen: Rosa-Luxemburg-Stiftung, 18. Mai 2017

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Türkei oder: Das Ende der Demokratie

Gerade einmal zweieinhalb Jahre liegen zwischen der Wahl Recep Tayyip Erdogans zum Staatspräsidenten und dem Umbau der Türkei zu einem autokratischen Präsidialstaat. Mit dem Plebiszit vom 16. April 2017 verabschiedet sich das Land von den Prinzipien jener parlamentarischen Republik, die einst ihr Staatsgründer Mustafa Kemal, genannt Atatürk, in der Verfassung verankert hatte. Um diese historische Zäsur herbeizuführen, zog die Staatsführung alle Register: Sie betrieb die Spaltung der Gesellschaft, schüchterte die kurdische Bevölkerung mittels eines Krieges ein und schwächte die Opposition durch Repression entscheidend.

Doch selbst unter diesen Umständen konnten Erdogan und die regierende konservativ-islamische AKP nur eine sehr knappe Mehrheit der türkischen Wählerinnen und Wähler für die Unterstützung des Präsidialsystems mobilisieren. Nach offiziellen Angaben stimmten lediglich rund 51 Prozent der Bürgerinnen und Bürger für die Verfassungsänderung. Die Opposition bezweifelt selbst diese Zahl, auch weil die Wahlbehörde ungültige Stimmzettel zuließ. Die kemalistische CHP und die linke, pro-kurdische HDP erklärten daher umgehend, das Ergebnis vor Gericht anzufechten. Allerdings stehen ihre Chancen schlecht. Erdogan hat alle Kritik am Referendum kategorisch zurückgewiesen, und die Richter in der Türkei wissen nur zu genau um die Konsequenz unerwünschter Entscheidungen. […]

Weiterlesen: Blätter für deutsche und internationale Politik, 5/2017

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Keine Heimat, nirgendwo

Türkeistämmige in Deutschland finden sich eingekeilt zwischen zwei unvereinbaren Sichtweisen

Während türkeistämmige Menschen in den letzten Jahren von der deutschen Öffentlichkeit weitgehend ignoriert wurden, werden sie im aktuellen Konflikt zwischen Deutschland und der Türkei pausenlos aufgefordert, sich zu bekennen und zu positionieren. Dabei reichen die Perspektiven derjenigen, die sich länger mit der Türkei beschäftigen, deutlich über solche Bekenntnisse hinaus. […]

Weiterlesen: Neues Deutschland, 15. April 2017

Das Präsidialsystem in der Türkei: Nach dem Vorbild der USA?

Das politische System der Türkei steht vor einem Paradigmenwechsel. Das Referendum am 16. April wird entscheiden, ob die bisherige parlamentarische Demokratie bestehen bleibt oder von einem Präsidialsystem abgelöst wird. Befürworter und Gegner der Verfassungsänderung mobilisieren die türkischen Wähler nicht nur in der Türkei, sondern auch in Deutschland.

Aus der anfangs vagen Idee starker und einheitlicher Führung ist ein Verfassungsentwurf geworden, der einen Systemwechsel herbeiführen würde: Auf die konkreten Verfassungsänderungen, die insgesamt 18 Artikel der Verfassung betreffen, wird in der öffentlichen Debatte zwischen Befürwortern und Gegnern nur selten Bezug genommen. So überwiegen pauschale Bewertungen wie etwa die der AKP-Politiker, dass mit der Einführung des Präsidialsystems der Terror in der Türkei enden, das Wirtschaftswachstum zurückkehren und die Türkei endlich wieder den Platz in der Welt erlangen würde, der ihr zustehe. Von Diktatur und dem Ende der türkischen Republik spricht dagegen die Opposition, die Bilder aus der Vergangenheit – auch aus der deutschen Geschichte – herbeizitiert. […]

Weiterlesen: Bundeszentrale für politische Bildung, 11. April 2017

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Deutsch-türkische Hasskampagnen zum Verfassungsreferendum

“Große Zahl von Menschen lässt sich von solcher Hetze anstecken”

In den sozialen Medien führen Deutsch-Türken regelrechte Hasskampagnen gegen Erdogan-Kritiker – besonders mit Blick auf das Verfassungsreferendum in der Türkei am Sonntag. Der Politologe Ismail Küpeli wirft der deutschen Politik vor, zu wenig dagegen zu tun. Im DLF sagte er, so ermutige man die Leute, von der Hetze zur Tat zu schreiten.

Weiterlesen: Deutschlandfunk, 10. April 2017

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Was kommt in der Türkei nach dem Wahlkampf gegen “Nazi-Deutschland” und “faschistisches Europa”?

Seit Wochen setzt der türkische Staatspräsident Erdoğan​ im Wahlkampf zum Referendum auf Hetze gegen Österreich, Deutschland und die EU. Doch wie wird es zwischen der Türkei und den europäischen Staaten nach dem Referendum weitergehen?

Noch hat Recep Tayyip Erdoğan nicht auf ganzer Strecke gewonnen. Der türkische Staatspräsident und die Regierungspartei AKP haben es bisher nicht eindeutig geschafft, eine Mehrheit der türkischen Bevölkerung vom geplanten Präsidialsystem zu überzeugen. Die Umfragen zum Referendum am 16. April, mit dem das Präsidialsystem bestätigt werden soll, sagen aktuell sogar ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Befürwortern und Gegnern voraus. Was die AKP mit Argumenten für das Präsidialsystem nicht erreicht hat, soll jetzt ein Bedrohungsszenario erwirken, in dem sich die türkische Bevölkerung vom Ausland angegriffen fühlen und deswegen hinter der eigenen Staatsführung sammeln soll. […]

Weiterlesen: Vice, 9. April 2017

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Letzte Ausfahrt für die türkische Demokratie?

Die Opposition mobilisiert gegen das Präsidialsystem, das beim Referendum am 16. April zur Abstimmung steht.

Seit seinem Amtsantritt als Staatspräsident im Jahr 2014 treibt Erdogan sein Projekt eines autoritären Präsidialsystems voran. Innerhalb seiner Regierungspartei AKP konnte er die politischen GegnerInnen ausschalten und die Stimmen marginalisieren, die sich für den Erhalt des parlamentarischen Systems ausgesprochen haben. Allerdings waren die Oppositionsparteien geschlossen gegen den Staatsumbau – ungeachtet ob sie politisch eher links oder rechts orientiert sind. Auch innerhalb der türkischen Bevölkerung erhielt die Forderung von Erdogan keine Mehrheit. Die Ablehnung im Parlament und auf der Straße blieb stabil, trotz der Kampagnen der Regierungspartei. […]

Weiterlesen: Neues Deutschland, 1. April 2017

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