iqta als ‚islamischer Feudalismus‘?

1. Einleitung

Die westliche Analyse der Geschichte der nahöstlichen Gesellschaften und Staaten ist nach wie vor geprägt von den Versuchen, mit europäischen Kategorien und Begriffen Erklärungsansätze zu finden. So wurde ausgehend von der Annahme, dass Gesellschaften sich über den Feudalismus zum Kapitalismus entwickeln würden, nach einem „islamischen Feudalismus“ gesucht. Während frühere Autoren wie Karl Marx den nahöstlichen Gesellschaften die Fähigkeit „Produktivkräfte autonom zu entwickeln und einen geschichtlichen Veränderungswillen zu verkörpern“ absprachen, entdeckten spätere Autoren im iqṭāʿ-System den „islamischen Feudalismus“3. So konnte die europäische Vorstellung von einem Lauf der Geschichte hin zum Kapitalismus –
oder Kommunismus, je nach Autor – bewahrt werden, ohne die Fähigkeit zur gesellschaftlichen Fortentwicklung in der islamischen Welt grundsätzlich negieren zu müssen.
Um untersuchen zu können, ob das iqṭāʿ-System in wesentlichen Punkten mit dem europäischen Feudalismus übereinstimmt, müssen in einem ersten Schritt die Voraussetzungen und die Entstehung des iqṭāʿ-Systems unter der buyyidischen Herrschaft dargestellt werden. Dabei sollen ebenfalls die Rolle des iqṭāʿ in der staatlichen Organisation und die Finanzierung des Militärs deutlich werden. In einem zweiten Schritt sollen die Entwicklungen unter der ayyubidischen Herrschaft dargestellt werden. Darauf folgt die Systematisierung und staatliche Reorganisierung des iqṭāʿ-Systems unter der mamlukischen Herrschaft. Dabei werden die Landvermessungen als Mittel zur Machtumverteilung besonders berücksichtigt.
Abschließend wird das iqṭāʿ-System mit dem europäischen Feudalismus in wenigen zentralen Punkten verglichen. Dabei spielt das Verhältnis von zentraler staatlicher Macht und lokaler, bzw. regionaler Herrschaft eine wichtige Rolle, ebenso wie die Frage der Machtbefugnisse.

[…]

5. Fazit

Für den Vergleich des iqṭāʿ-Systems mit dem europäischen Feudalismus sind zwei zentrale Punkte relevant. Zum einen ist das Verhältnis der Zentralmacht, d. h. des Sultans, zu den muqṭaʿs von Bedeutung. Der Sultan konnte iqṭāʿ-Zuweisungen selbst bestimmen, und konnte dem einzelnen muqṭaʿ ein neues iqṭāʿ-Gebiet zuweisen, die muqṭaʿ-Gruppen unterschiedlich behandeln, die Bedingungen des iqṭāʿ ändern. Der muqṭaʿ hatte seine Befugnisse nur der Zuweisung der Zentralmacht zu verdanken, d.h. er hatte keine eigene Machtbasis.
Gegentendenzen hierzu, wie etwa die, dass muqṭaʿs zeitweilig in der buyyidischen Periode Schutzgebühren für ḥimāya von den Bewohnern iqṭāʿ-Gebiete nahmen, oder die mamlukischen Offiziere ähnliche Gebühren von den ağnād al-ḥalqa nahmen, waren eher von kurzer Dauer und konnten durch staatliche Mittel, wie etwa die Einführung der Gouverneure (wālī) in dem ersten Fall und durch die Landvermessung 1298 im zweiten Fall, beendet werden. Dagegen hatte der europäische Vasall gegenüber seinem Herrn keinen strikten Gehorsam zu leisten, sondern war über einen Treueid mit gegenseitigen Rechten und Pflichten an ihn gebunden. Dabei konnte die Treue auch eingeschränkt werden, so konnten Vasallen auch mehrere Herren haben, und sich im
Konfliktfall zwischen diesen Herren neutral verhalten. Einen Status, der mit der des Vasallen des europäischen Feudalismus vergleichbar wäre, hatte der muqṭaʿ in den hier genannten nahöstlichen Systemen also nicht. Ein Hinweis auf diesen Unterschied ist auch die Lösung von Konflikten. Während in einem Konfliktfall zwischen einem Vasallen und dem König eine Versammlung der Vasallen des jeweiligen Königs richtete, konnte der Sultan einseitig das Verhältnis zu einem muqṭaʿ durch Zuweisung und Absetzung ändern.
Zum anderen hatte der muqṭaʿ grundsätzlich nur die Befugnis in seinem iqṭāʿ-Gebiet die Steuern einzuziehen, dies auch selten vollständig. Die Kopfsteuer (ğawālī) etwa wurde dem Staat, bis auf die Fälle von „vollständiger“ iqṭāʿ (iqṭāʿ darbastā), zugesprochen. Viel wichtiger ist jedoch, dass der muqṭaʿ außer diesem Recht keine Befugnisse über die Bewohner seines iqṭāʿ-Gebietes hatte, während der Lehnsherr des
europäischen Feudalismus die politische, steuerliche, und juristische Kontrolle über die Bewohner seines Lehngutes hatte. Das iqṭāʿ-System kann also verstanden werden als ein System zur Umverteilung von
finanziellen Mitteln, das dem muqṭaʿ keine politische und juristische Kontrolle über die Bewohner zusprach.
Sowohl in seiner Beziehung zum Herrscher, als auch zu den Bewohnern seines iqṭāʿ-Gebietes spielte der muqṭaʿ also keine Rolle, die vergleichbar wäre mit einem Vasallen oder Lehnsherr des europäischen Feudalismus.
Wenn also die Analyse des iqṭāʿ-Systems darauf hindeutet, dass in diesem Zusammenhang nicht von einem „islamischen Feudalismus“ gesprochen werden kann, dann muss ebenso die hinter der Suche nach einem „islamischen Feudalismus“ stehende eurozentristisch geprägte Vorstellung von einem Lauf der Geschichte, die weltweite Geltung hat, in Frage gestellt werden. Andere, eigenständige Modelle von gesellschaftlicher Fortentwicklung müssen demnach mithilfe von Begriffen und Konzepten analysiert werden, die die Begrenztheit der bisherigen westlichen Geschichtsschreibung über nicht-europäische Gesellschaften reflektieren und überwinden.

Ismail Küpeli: iqta als ‘islamischer Feudalismus’? München, 2007, ISBN 3-638-74966-5

Einleitung, Inhaltsverzeichnis und einige Seiten aus dem Text lassen sich bei grin.com einsehen:

http://www.grin.com/e-book/71692/iqta-als-islamischer-feudalismus

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