Was ging schief beim „Untergang des Morgenlandes“? Eine exemplarische Sichtung der Geschichtsdarstellung von Bernard Lewis

1. Einleitung

Die Anschläge vom 11. September 2001 haben die Aufmerksamkeit einer breiteren westlichen Öffentlichkeit auf den Nahen und Mittleren Osten, den Islam und die Muslime gelenkt. In diesem Zusammenhang erschienen zahlreiche Publikationen, die sehr unterschiedliche Erklärungsmuster und Lösungsansätze vorgaben. Ein Teil der Autoren machten die globale Dominanz der USA und die wirtschaftliche Vormachtstellung des Westens als Konfliktursache aus, und begriff die Anschläge als eine Reaktion auf diese Machtverhältnisse. Um zu verhindern, dass solche Anschläge sich wiederholten, sei es auch nötig, die ungerechte Behandlung und Ausbeutung der Dritten Welt zu beenden und nicht-westliche Kulturen mehr zu respektieren.

Dagegen argumentierten andere Autoren, dass die islamistischen Organisationen keinesfalls als antikoloniale, bzw. antiimperialistische Kräfte in einem politisch und ökonomischen Sinne verstanden werden könnten. Vielmehr seien die Entstehung und Stärkung der Islamisten ein Resultat der undemokratischen Verhältnissen in den Staaten des Nahen und Mittleren Ostens. Demokratische Kräfte würden staatlich unterdrückt, und dies würde dazu führen, dass als politische Akteure nur noch undemokratische Staaten und islamistische Oppositionsbewegungen übrig blieben. Als Lösung wird dann eine umfassende und tiefgehende Demokratisierung des Nahen und Mittleren Osten vorgeschlagen.

Einer der bekanntesten Vertreter dieser These ist Bernard Lewis. Die Bedeutung von Bernard Lewis basiert zum einen auf seiner selten infrage gestellten wissenschaftlichen Autorität und zum anderen darauf, dass politische Entscheidungsträger in den USA auf seine Geschichtsdeutungen, Begriffe und Konzepte zurückgreifen, wenn es um Analysen der politischen Vorgänge im Nahen und Mittleren Osten geht. Auch das vielzitierte Konzept vom „Kampf der Kulturen“ („Clash of Civilizations“) im Zusammenhang mit dem Westen und dem Islam geht auf Lewis zurück.

Die vorliegende Arbeit konzentriert sich auf das Buch „Der Untergang des Morgenlandes“ (Originaltitel “What went wrong?”) von Bernard Lewis, das 2002 erschienen ist. Die Publikation als Untersuchungsobjekt bietet sich auch deswegen an, weil Lewis in einer Vorbemerkung explizit Bezug auf die Anschläge vom 11. September 2001 nimmt, und sich nach Auskunft des Autors mit “größeren Zusammenhängen, Ideen und Einstellungen beschäftigt, die diesen Ereignissen [gemeint ist 9/11, A.d.A.] vorausgingen und sie bis zu einem gewissen Grad mit verursacht haben” (Lewis 2002: 7). Auf weitere Publikationen von Lewis wird Bezug genommen, wenn es relevant für die Argumentation ist.

Zuerst soll die Argumentationslinie in „Der Untergang des Morgenlandes“ dargestellt werden. Die Darstellung wird von einer genaueren Betrachtung der wissenschaftlichen Methoden, der Geschichtsdeutung, der Schlüsse und Lösungsvorschläge von Lewis begleitet. Die kleinschrittige Vorgehensweise in Unterpunkten empfiehlt sich, da eine stringente Argumentation nicht festzustellen war. Es folgt eine Diskussion über Defizite und Widersprüche auf formeller, methodischer und inhaltlicher Ebene.

[…]

4. Resümee

Die Betrachtungen und Thesen von Lewis können auf drei Ebenen, nämlich einer formalen, einer methodischen und einer inhaltlichen, diskutiert werden.

Auf der formalen Ebene ist auffällig, dass in „Der Untergang des Morgenlandes“ viele Redundanzen vorzufinden sind1, die damit zu erklären sind, dass es sich bei der Publikation um eine Ansammlung von Vorlesungsskripten und bereits erschienen kürzeren Aufsätzen handelt (Lewis 2002: 233). Wichtiger und problematischer scheint es jedoch, dass Thesen und Darstellungen sich bei Lewis über Jahre und Jahrzehnte inhaltlich kaum ändern. So weist S.M. Stern auf Folgendes hin: „In 1993, Lewis forgot that he had already written a book called The Middle East and the West […] in 1964 and wrote yet another one on Islam and the West […] (1994) – essentially the same ideas, almost verbatim similarities“. Insbesondere da Lewis für seine Methoden, Thesen und Darstellungen immer wieder kritisiert wurde, angefangen von Edward Said in den 1970er bis zu heutigen Autoren wie Timothy Mitchell, scheinen die intellektuelle Neugierde und Lernbereitschaft, die Lewis für sich in Anspruch nimmt und von den Muslimen fordert, zumindest in seinen Publikationen etwas begrenzt zu sein. So werden auch die Kritiken bei Lewis selten erwähnt. Dann werden sie jedoch im Kontext von „neurologischen Fantasien und Verschwörungstheorien“ (Lewis 2002: 230) gestellt. Später geht Lewis einen Schritt weiter und stellt antikolonialistische und postkolonialistische Autoren, die eine Dekolonialisierung der Geschichtsschreibung anstreben, in Zusammenhang mit Terrorismus: „The assumption is that the past is another territory which has been conquered, subjugated, settled and exploited by imperialist foreigners and the time has come to liberate the past by assault, by an intellectual liberation struggle. The struggle is on at the moment. It is in the guerilla or, as some people would put it, the terrorist phase“ (Lewis 2004: 438).

Auf der methodischen Ebene liegt das Hauptdefizit bei Lewis darin, dass er zwar aus einem großen Repertoire von Geschichten aus der islamischen Welt schöpfen und so Beispiele für seine Thesen liefern kann, dass aber eine empirische Methode, wie etwa bei der empirischen Politikwissenschaft, fehlt. Dazu müssten zuerst die Begriffe und Annahmen in empirisch überprüfbare Konzepte operationalisiert werden. Dann müssten Fallbeispiele systematisch ausgewählt werden, nach Kriterien der Varianz bei den untersuchten Variablen und Konstanz bei den nicht-untersuchten Variablen. Es müssten viele Fallbeispiele und wenige Variablen, die untersucht werden, vorliegen. Und schließlich kann dann untersucht werden, ob eine Übereinstimmung zwischen der anfänglichen Hypothese, d.h. der Annahme, dass die islamische Kultur – im Gegensatz zu der christlich-europäischen Kultur – eine umfassende Modernisierung, Säkularisierung und Frauenemanzipation verhindere, und den empirischen Daten vorliegt. Von diesen Schritten ist allenfalls die erste Hypothese zu erkennen, allerdings fehlt bereits hier die Operationalisierung.

Es handelt sich insgesamt um ein Konglomerat aus Thesen und Beispielen, die nicht nachvollziehbar ausgewählt wurden. So werden Beispiele, die gegen die Thesen von Lewis sprechen, weitestgehend verschwiegen. Eine umfassende empirische Untersuchung über den Zusammenhang von Islam und Modernisierung fehlt hier. Sie wäre eine Voraussetzung für die Überprüfung der Thesen von Lewis.

Methodisch und inhaltlich defizitär ist – wenn man sich auf die Kategorien einlässt – die fehlende Einordnung der Kräfteverhältnisse zwischen Europa und dem Nahen Osten in einen globalen Kontext. Die behauptete Machtverschiebung aufgrund des Niedergangs der islamischen Welt kann ebenso verstanden werden als eine Machtverschiebung zugunsten der neu entstehenden industriellen Gesellschaften auf Kosten der alten agrarbasierten Gesellschaften. Die Dominanz Europas herrschte ja nicht nur gegenüben den Gesellschaften des Nahen und Mittleren Ostens, sondern ebenso waren Nord- und Südamerika, Afrika und Asien betroffen. Eine solche Perspektive würde jedoch die These von der islamischen Kultur als die Ursache des Niedergangs infrage stellen. Interessanter als eine solche monokausale Erklärung über die Religion wäre doch die Frage, warum die industriellen Gesellschaften in Europa, und nicht in Asien, Afrika oder auch im Nahen und Mittleren Osten entstanden sind. Diese Frage fehlt bei Lewis völlig.

So lässt sich zusammenfassend kritisieren, dass die Darstellungen und Thesen sich um Begriffe und Konzepte drehen, die sich vielfach als Konstrukte verstehen lassen5. Was die islamische Welt ist, was sie auszeichnet und wie sie sich von der christlichen Welt unterscheidet, wird gesetzt. Diesen Setzungen werden dazu benutzt, bestimmte Lösungsvorschläge anzubieten, die ebenso defizitär sind wie die Prämissen, auf denen sie basieren.

4.1. „Kampf der Kulturen“ als politischer Mythos

Die Feststellung einer defizitären Argumentation greift jedoch zu kurz und kann nicht erklären, warum Thesen, wie sie von Lewis vertreten werden, eine solche Wirkungsmacht haben. Hier ist es vielleicht hilfreich, die Geschichtsdarstellung und Thesen von Lewis als einen Beitrag zur Schaffung des politischen Mythos vom „Kampf der Kulturen“ zu betrachten. Ein politischer Mythos kann definiert werden als eine Erzählung, die eine Eindeutigkeit für die politischen Erfahrungen einer sozialen Gruppe geben kann, indem sie die Komplexität der Erfahrungen reduziert. Er basiert nicht nur auf Geschichtsdarstellungen einzelner Autoren, sondern ist darauf angewiesen, dass eine breitere Öffentlichkeit ihn rezipiert und reproduziert. Weiterhin muss er auf wenige Bilder und Begriffe reduzierbar sein. Ein solcher politischer Mythos ist dann als „mapping device“ (Bottici / Challand: 2006: 321), m.a.W. als „Brille“ zu verstehen, die den Blick auf die Welt vorstrukturiert, die Ansichten über die Welt prägt und so das Handeln der sozialen Gruppe mitbestimmt. Der Zusammenbruch der real-sozialistischen Staaten und damit auch die Trennung der Welt in zwei Lager führte zur Uneindeutigkeit. Das dichotomische Erklärungsmuster „die freie Welt gegen den Kommunismus“ war zerfallen und schuf Platz für einen neuen politischen Mythos. So wurde die Komplexität der sehr unterschiedlichen sozialen Gruppen und ihrer internen und externen Konflikte reduziert auf das Begriffspaar Westen-Islam, das ersetzbar ist durch andere Begriffspaare wie Okzident- Orient, Abendland-Morgenland, Demokratie-Tyrannei, Aufklärung- Fanatismus. Dabei wird nicht nur, wie etwa Said kritisierte, der „Orient“ essentialisiert, sondern ebenso die Vorstellung einer homogenen westlichen Zivilisation entwickelt. Die Rezeption vom „Kampf der Kulturen“ deutet darauf hin, dass hier ein solcher politischer Mythos vorliegt, der als „self-fulfilling prophecy“ funktioniert, weil, indem die Muslime als essenziell feindlich gegenüber dem Westen gesetzt werden, der Kampf des Westens gegen sie zu einer Notwendigkeit wird.

So kann die Wirksamkeit von Autoren wie Lewis vielleicht dadurch erklärt werden, dass sie zum einen eine apologetisierende Geschichtsdarstellung der eigenen sozialen Gruppe liefern. Dies wird durch die Ausblendung der politischen Zusammenhänge und die Essentialisierung des Anderen erleichtert. Zum anderen konstruieren sie durch dichotomische Erklärungsmuster für Konflikte Eindeutigkeit in der Welt, und ermöglichen so einen Handlungsimperativ für die eigene soziale Gruppe.

Ismail Küpeli: Was ging schief beim “Untergang des Morgenlandes”? Eine exemplarische Sichtung der Geschichtsdarstellung von Bernard Lewis. München, 2007, ISBN 3-638-75457-X.

Einleitung, Inhaltsverzeichnis und einige Seiten aus dem Text lassen sich bei grin.com einsehen:

http://www.grin.com/e-book/70017/was-ging-schief-beim-untergang-des-morgenlandes-eine-exemplarische-sichtung

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