Rezension: PROKLA – Postkoloniale Studien als kritische Sozialwissenschaft

Die koloniale Geschichte und postkoloniale Gegenwart Deutschlands ist weitgehend unbeachtet. Der deutsche Kolonialismus scheint eine längst abgeschlossene Phase zu sein, die lediglich für Historiker von Interesse und ohne jede Bedeutung für gegenwärtige politische und soziale Verhältnisse ist. Die Menschen aus den postkolonialen Staaten, die in Deutschland leben, werden bestenfalls als Objekte einer „Integrationspolitik“ wahrgenommen oder schlimmer noch als Bedrohung der sozialen Ordnung. Die Zusammenhänge zwischen den kolonialen und postkolonialen Strukturen und die prägende Rolle des Kolonialismus, auch für die europäischen Staaten, bleiben so unterbelichtet.

Insofern ist das verstärkte Interesse an postkolonialen Ansätzen, das in den letzten Jahren zu beobachten ist, sehr zu begrüßen. Ebenso ist die Infragestellung eurozentristischer Perspektiven ein wichtiger Beitrag für die Überwindung von Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnissen. Allerdings führen die gegenwärtige Akademisierung postkolonialer Ansätze und die Etablierung der „postkolonialen Studien“ zu einer Dominanz diskursanalytischer Ansätze auf Kosten der klassen- und gesellschaftskritischen Ansätze. Durch die Rede über Diskurse geraten vielfach die realen Macht- und Ausbeutungsverhältnisse aus dem Blickwinkel.

Es ist den AutorInnen der aktuellen PROKLA anzurechnen, dass sie diese Kritik aufgreifen, ohne damit postkoloniale Ansätze insgesamt zu delegitimieren. Eine zentrale Frage, die sich in vielen Texten wiederfindet, ist: Wie können postkoloniale Perspektiven für eine kritische Sozialwissenschaft sinnvoll genutzt werden? Es geht dabei um die „Verbindung einer materialistischen Analyse von Ausbeutungsverhältnissen mit einer Kritik der […] diskursiven Normalisierung kolonialer Dominanz“ (S. 25). Ein Vorschlag, um das kritische Potenzial der postkolonialen Ansätze weiterzuentwickeln, ist die Rückbesinnung auf antikoloniale Theorien und Praxen, die historisch die Ursprungspunkte der postkolonialen Ansätze bilden. Die antikolonialen Kämpfe werden dabei als politischer Widerstand gegen Herrschaft und Ausbeutung verstanden. Diese Lesart lässt allerdings noch offen, wie aus antikolonialen Befreiungsbewegungen postkoloniale Herrschaftsapparate wurden und wie die Erlangung der formellen Unabhängigkeit mit der faktischen Fortführung von Dominanzverhältnissen einherging. Die Rolle der politischen und ökonomischen Eliten im globalen Süden wäre ebenfalls noch zu untersuchen.

Neben der grundsätzlichen Debatte über das Zusammenkommen und die Weiterentwicklung von postkolonialen Perspektiven und gesellschaftskritischen Ansätzen werden in der PROKLA auch erste Beispiele einer solchen Zusammenführung dargestellt. So diskutieren Petra Neuhold und Paul Scheibelhofer die neueren Debatten um Migration in Deutschland, in denen zunehmend Forderungen nach einer „Steuerung“ der Migration lauter werden. Gegenüber rassistischer Hetze erscheint der Multikulturalismus mit seiner grundsätzlichen Offenheit gegenüber Migration als vergleichsweise „liberal“ und tolerant. Dies führt dazu, dass AntirassistInnen sich vielfach positiv auf multikulturalistische Ansätze beziehen und Teil einer „weichen“ Migrationsteuerung werden, die mit der „Nützlichkeit“ von Migranten argumentiert. Ebenso werden so soziale Konflikte befriedet, während gleichzeitig ethnisierende Grenzziehungen und Hierarchien gefestigt werden. Die Kritik an den gegenwärtigen multikulturalistischen Ansätzen verknüpfen die AutorInnen mit der Forderung nach einem alternativen, kritischen Multikulturalismus, der von den „Bedürfnissen der Migrant_innen und [den] sozialen Kämpfen“ (S. 98) ausgehen soll.

Widerstand und Kritik an politischer Unterdrückung und ökonomischer Ausbeutung sind nach wie vor zentrale Punkte anti- und postkolonialer Perspektiven. Dies zu rekapitulieren und auf das Potenzial postkolonialer Ansätze bei der Überwindung eurozentristischer Tendenzen in den (kritischen) Sozialwissenschaften hinzuweisen, wird in der PROKLA geleistet. Es bleibt zu hoffen, dass diese Debatte fortgeführt wird.

PROKLA: Postkoloniale Studien als kritische Sozialwissenschaft. Nr. 158, März 2010.

(Eine stark gekürzte Fassung dieser Rezension ist erschienen in der analyse&kritik analyse&kritik (Nr. 551 vom 18.6.2010, S. 35)

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