Rezension: Menschenrechte in der Türkei

Kaygisiz, Hasan (2010): Menschenrechte in der Türkei, Eine Analyse der Beziehungen zwischen der Türkei und der Europäischen Union von 1990-2005. Peter Lang: Frankfurt a.M., 430 S.

Die Dissertation von Hasan Kaygisiz erweckt durch den Publikationstitel hohe Erwartungen. Die Debatte um Menschen- und Minderheitsrechte in der Türkei ist ebenso vielschichtig und widersprüchlich wie die Frage der Beziehungen zwischen der Europäischen Union und der Türkei. Beide Aspekte wären bereits einzeln als Dissertationsprojekt anspruchsvoll, von einer sinnvollen Verknüpfung und Zusammenführung der beiden Themen ganz zu schweigen. Der Autor will analysieren, welche Rolle die Menschenrechtsfrage bei den Beziehungen zwischen der EU und der Türkei gespielt hat und den Prozess der Umsetzung der Menschenrechte im Zuge der Europäisierung der Türkei darstellen.
Das Inhaltsverzeichnis gibt erste Anzeichen dafür, dass diese Erwartungen nicht ganz erfüllt werden können. Gerade mal 15 Seiten beschäftigen sich mit der Menschenrechtsfrage, dazu kommen 29 Seiten über die „Geschichte und Problematik des kurdischen Volkes“ (wobei es hier hauptsächlich um die PKK geht). Die Beziehungen zwischen der EU und der Türkei werden auf 40 Seiten abgehandelt. Auf den übrigen 345 Seiten Text werden viele andere Aspekte angeschnitten, die aber für den eigentlichen Untersuchungsgegenstand nicht immer erhellend sind.
Ebenso ist es irritierend, dass der Autor die Publikation auch damit begründet, die „Theoriearmut [in] der wissenschaftlichen Debatte“ (S. 31) überwinden zu wollen, um dann auf 12 Seiten vier Theoriestränge zu skizzieren. Neben dem völlig unzureichenden Umfang dieser Darstellung – so erhalten neogramscianische Ansätze eine (!) Textseite – fällt bei der weiteren Lektüre der Dissertation auf, dass der Autor sich kaum noch auf diese Theorieansätze bezieht. Lediglich das Konzept des Vetospielers wird manchmal aufgeführt, aber weniger als analytisches Mittel sondern mit einer despektierlichen Konnotation.
So werfen bereits die grundsätzliche Konzeption, die theoretische Umrahmung und der geringe Textumfang, der dem eigentlichen Untersuchungsgegenstand gewährt wird, die Frage auf, ob die vom Autor geweckten Erwartungen erfüllt werden und was der wissenschaftliche Mehrwert dieser Dissertation ist.
Die anschließende Frage wäre, ob zumindest die empirischen Teile der Studie einen Erkenntnisgewinn liefern. Die Einbeziehung der türkischsprachigen Literatur liefert für die deutschsprachige Leserschaft einen gewissen Mehrwert. Daneben werden vier Experteninterviews aufgeführt, die aber lediglich beiläufig in wenigen Fußnoten erwähnt werden und keine herausragende Bedeutung erhalten.
Die Möglichkeit, aus der Dissertation Erkenntnisse zu schöpfen, wird grundsätzlich dadurch erschwert, dass der Autor vielfach zu Pauschalurteilen neigt, die weniger auf einer empirischen Beweisführung beruhen als vielmehr auf Anekdoten. Wenn der Autor sich dann zudem selbst widerspricht – teilweise innerhalb von wenigen Seiten – ist es für den Leser sehr schwierig, die sinnvollen Argumente herauszufiltern.
Hier ein Beispiel: „Jede [sic!] politische Bewegung im Lande [Türkei] wurde niedergeschlagen“ (S. 71) oder: „Jede politische und ethnische Emanzipationsbewegung […] wurde mit unerhörter [sic!] Brutalität niedergeschlagen“ (S. 87). Im Widerspruch hierzu wird ab S. 103 die politische Entwicklung der Türkei skizziert – einschließlich der Darstellung der politischen Opposition sowie der Nennung von Wahlen und Regierungswechseln. Außerdem erwähnt der Autor, dass die „Bevölkerung […] ihre Wahlentscheidung nicht vom Militär diktieren lässt“, um dann direkt anschließend zu behaupten, dass alle „politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen […] allein vom Militär entschieden“ (S. 110) wurden.
Noch problematischer sind falsche Übersetzungen von türkischsprachigen Zitaten (S. 114, Fußnote 478) und offensichtliche Falschbehauptungen, wie etwa die, dass es „keine politische Partei [gibt], die sich im türkischen Parlament aktiv gegen die Menschenrechtsverletzungen im Lande engagiert“ (S. 114). Als Gegenbeispiel würde der Hinweis die prokurdische DTP und die BDP genügen.
Eine Leseempfehlung kann hier nicht gegeben werden. Ausreichend informierte Leser können die Publikation nach Fakten und sinnvollen Argumenten durchforsten und werden manchmal fündig, wobei der hohe Buchpreis (71,80 Euro) hier abschrecken könnte – zumal der Erkenntnisgewinn recht spärlich ausfällt. Als Einführungs- und Überblickliteratur für eine interessierte Leserschaft eignet sich das Buch ebenso wenig, wie als wissenschaftliche Studie.

Eine leicht geänderte Fassung erscheint in: DAVO Nachrichten 2/2012

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