Rezension: Migration und Türkei – Neue Bewegungen am Rande der Europäischen Union

Barbara Pusch / Tekin Uğur (Hrsg.) (2011): Migration und Türkei. Neue Bewegungen am Rande der Europäischen Union. Ergon Verlag, Würzburg.

Der Tagungsband spannt sich über eine Vielzahl von Themen, die sich in drei Kategorien zusammenfassen lassen: (1) allgemeinere Überlegungen zur Migration und Migrationspolitik, (2) türkische Migration nach Deutschland und (3) „Migration in den Transitstaat Türkei“ (S. 19). Die Herausgeber haben sowohl auf eine inhaltliche Einführung weitgehend verzichtet als auch auf eine Zusammenführung der einzelnen Beiträge, die so recht unvermittelt nebeneinander stehen.
Neben Beiträgen, die sich auf speziellere Aspekte beziehen, wie etwa auf den Ford-Streik in Köln 1973, versuchen drei Autoren größere Zusammenhänge darzustellen.
Einen historischen Überblick über die Migrationsbewegungen in Europa liefert Erol Yıldız, der deutlich macht, dass entgegen der Zerrbilder von „Flüchtlingsstürmen“ das Ausmaß der Migration kaum gestiegen ist. Allerdings gibt es deutliche Verschiebungen darin, wer auswandert und wie die Migranten in den Ankunftsgesellschaften aufgenommen werden. Im 19. und 20. Jahrhundert gab es zum einen massive Migrationsbewegungen innerhalb Europas und viele Europäer migrierten nach Nord- und Südamerika. Diese europäischen Migranten (sowohl innerhalb Europas als auch in Amerika) wurden gesellschaftlich wesentlich stärker integriert und waren rechtlich stärker abgesichert als diejenigen Migranten, die heutzutage versuchen, nach Europa zu gelangen.
Mit der Politik der europäischen Staaten und der Europäischen Union befasst sich der Aufsatz von Gerda Heck. Sie legt dar, dass die Außen- und Migrationspolitik dazu dient, Migrationsbewegungen zu bekämpfen und Migranten auszuschließen. Es wurden und werden zahlreiche Methoden und Konzepte entwickelt, die alle dieses Ziel verfolgen. Für Deutschland erwähnenswert ist etwa das Prinzip des „ersten Asyllandes“ im Schengen-Raum, wonach Flüchtlinge nur in dem Schengen-Land einen Asylantrag stellen können, in das sie zuerst eingereist sind. Wenn ihr Asylantrag abgelehnt wird, gilt diese Ablehnung für alle Schengen-Staaten. Weil alle Nachbarstaaten Deutschlands im Schengen-Raum sind, können nur noch die Flüchtlinge, die per Flugzeug einreisen, in Deutschland einen Asylantrag stellen. Dies ist allerdings nur für einen Bruchteil der Flüchtlinge möglich. Auch die Errichtung von Auffanglagern an den europäischen Außengrenzen und das „Abfangen“ von Flüchtlingsbooten im Mittelmeer dient dazu, „Flüchtlings- und Migrationsbewegungen bereits in den Herkunftsregionen außerhalb der Europäischen Union aufzuhalten“ (S. 65). Diejenigen, die es trotzdem schaffen nach Europa zu migrieren, erwartet vielfach die Illegalisierung und Entrechtung.
Barbara Pusch beschreibt in ihrem Aufsatz über „Irreguläre Migration in der Türkei“, wie die fehlende juristische Anerkennung nicht mit einem gesellschaftlichen und ökonomischen Ausschluss und einer Marginalisierung einhergehen muss. Migranten in der Türkei können „irregulär und trotzdem beruflich erfolgreich“ (S. 158) sein und auch ohne eine Aufenthaltserlaubnis im staatlichen Sektor (so etwa in den Hochschulen als Dozenten) arbeiten. Für die gesellschaftliche Inklusion kommt es eher darauf an, ob die Migranten eine hohe Qualifikation haben und ökonomisch erfolgreich sind.
Eine Gesamtbewertung kann für den Sammelband nicht gegeben werden. Neben gelungenen Beiträgen stehen Texte, die keinen großen Erkenntnisgewinn liefern oder thematisch so eng gefasst sind, dass eine Einordnung in größere Debatten erschwert wird. Die Publikation lohnt sich eher für diejenigen, die sich intensiv mit Migration und Migrationspolitik beschäftigen. Deutlich weniger eignet sie sich als Einführungs- und Überblicksliteratur.

Eine leicht geänderte Fassung erscheint in: DAVO Nachrichten 2/2012

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