Rezension: Kurdische Zivilgesellschaft in der Türkei

Özcan Ayboga (2006): Kurdische Zivilgesellschaft in der Türkei. Peter Lang, Frankfurt a.M.

Es hätte eine spannende Untersuchung sein können. Gerade weil zu der Rolle der zivilgesellschaftlichen Organisationen in der Türkei wenig deutschsprachige Literatur existiert, wäre eine Analyse der kurdischen Zivilgesellschaft eine lohnenswerte Arbeit. Um der Gesamtbewertung vorzugreifen: Leider kann Ayboga eine solche Analyse nicht liefern.

Dabei müssen in einem ersten Schritt die formalen und strukturellen Schwächen der Arbeit skizziert werden, bevor eine politische Bewertung und Kritik formuliert werden kann. Eine grundsätzliche Schwierigkeit ist, dass es sich bei der Publikation um eine Magisterarbeit handelt, die offensichtlich weder gründlich lektoriert noch so überarbeitet wurde, dass sie für eine breitere Leserschaft zugänglich ist. Dass die Darlegung der Methodik etwa ein Drittel des Textumfangs in Anspruch nimmt, mag bei einer universitären Abschlussarbeit möglicherweise sinnvoll sein. Doch für das eigentliche Thema der Arbeit ist dieses Vorgehen nicht unbedingt erhellend. Vielfach fehlen Quellenhinweise, was gerade bei strittigen Behauptungen sehr problematisch ist. Beispiele hierfür sind ein einjähriger Aufstand, der sich 1990/1991 in der Stadt Nusaybin ereignet haben soll (S.
109) oder ein Massaker, das 1991 an Trauergästen in Diyarbakir (S. 116) verübt worden sein soll. In beiden
Fällen werden keine Quellen genannt. Daneben gibt es leicht zu widerlegende Falschbehauptungen wie etwa
die, dass bis 1987 keine Gewerkschaften in der Türkei existiert hätten (S. 126). Neben solchen Fällen fällt es
kaum auf, dass die Begriffsdefinition von NGOs auf einem Artikel der Wochenzeitung Freitag (S. 27) basiert.
Möglicherweise ließe sich über manche Schwachstellen eher hinwegsehen, wenn die Behauptung stimmen würde, dass es sich bei dieser Publikation um eine „Pionierarbeit“ (S. 8), so im Vorwort der zuständigen Professorin Melanie Tatur oder um eine „Pilotstudie“ (S. 15), so Ayboga selbst, handelt. Die Fragestellung des Autors fokussiert zwar explizit die kurdische Zivilgesellschaft in der Türkei, wobei der Autor feststellt, dass zu dieser engen Fragestellung keine deutschsprachige Literatur existiert. Aber weder in der Gesamtdarstellung
noch in der eigenen empirischen Untersuchung (S. 123-158) beschränkt sich der Autor auf diese Fragestellung, sondern er beschäftigt sich mit der Zivilgesellschaft in der Türkei und zitiert dabei aus Literatur,
die sich explizit damit beschäftigt. Kurios wird es, wenn ausgiebig aus einer anderen Magisterarbeit über die „Zivilgesellschaft in der Türkei“, die nur zwei Jahre davor an der gleichen Universität geschrieben wurde, zitiert wird und gleichzeitig die Rede von „Pionierarbeit“ ist.

Die Schwächen und Mängel der Publikation erschweren eine politische Bewertung und Kritik. Hier soll nur beispielhaft ein kritischer Aspekt skizziert werden. Dies betrifft die Begriffsbestimmung von „Zivilgesellschaft“ und die Diskursanalyse der unterschiedlichen Bezüge auf diesen Begriff. Der Begriff „Zivilgesellschaft“ wird stark eingeengt auf die NGOs, wobei unklar bleibt, welche Beziehungen zwischen der Zivilgesellschaft und den sozialen Bewegungen bestehen. Ebenso bleibt unklar, ob Zivilgesellschaft schlussendlich als ein kollektiver Akteur zu verstehen ist, oder ob es ein Sammelbegriff für unterschiedliche Akteure ist, die auch politisch gegensätzlich agieren können. Bei der Besprechung der unterschiedlichen Bezüge auf „Zivilgesellschaft“ wird die vielfältige Debatte in der Türkei kaum skizziert. Knapp zwei Seiten insgesamt erhalten liberale, linke, islamische und kemalistisch/sozialdemokratische Debatten um Zivilgesellschaft – jeweils einen Absatz. Dabei wird auf jegliche Primärquellen verzichtet. Auf „kurdischer“ Seite werden lediglich die recht allgemeinen Thesen Abdullah Öcalans auf einer Seite wiedergegeben. Andere Stimmen kommen nicht zu Wort.
Weil die hier besprochene Veröffentlichung wenig lesenswert ist, taucht die Frage nach Alternativen für die deutschsprachigen LeserInnen, die sich für das Thema interessieren, auf. Wer wenige Monate warten kann, könnte einen Blick in „Das Ringen um die Zivilgesellschaft in der Türkei – Intellektuelle Diskurse, oppositionelle Gruppen und Soziale Bewegungen seit 1980“ (Anil Al-Rebholz) riskieren, das im Dezember 2012 im transcript Verlag erscheinen soll. Daneben ist „Staat und Zivilgesellschaft in der Türkei und im Osmanischen Reich“ (Gazi Caglar, 2000) erwähnenswert. Zwar sind einige der empirischen Abschnitte etwas veraltet, aber der theoretische Zugang und die historischen Kapitel sind immer noch lesenswert.

In: Gai Dao (Nr. 20, August 2012), S. 46-47.

Kommentar verfassen

Du kannst die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>