Rezension: Portugal (Pedrosa, 2012)

Cyril Pedrosa (2012): Portugal. Reprodukt, Berlin, 261 S.

Cyril Pedrosa zeichnet in seinem Comicroman „Portugal“ eine Geschichte über die Suche nach einem „besseren Leben“. Es ist eine Erzählung über die Unzufriedenheit mit dem Arbeits- und Alltagstrott und über die Brüchigkeit und Widersprüchlichkeit der Migrationsbiographien. Möglicherweise werden manche LeserInnen skeptisch sein, ob eine solche Geschichte im Comicformat erzählbar ist: „Portugal“ dürfte die meisten überzeugen.

Die Hauptfigur ist Simon, ein Comiczeichner, der die Kraft zum Zeichnen verloren hat und in einer französischen Stadt lethargisch von einem Tag zum nächsten lebt. Die Zeit überbrückt er mit Zeichenkursen, bis er eine Einladung zu einer Literaturmesse in Portugal bekommt – das Land seiner Großeltern. Dabei sind die Kindheitserinnerung an Portugal keineswegs romantisch, eher prägen lange Autofahrten mit genervten Eltern und Streitigkeiten innerhalb der Familie das Bild. Der erneute Portugalbesuch, diesmal als Erwachsener, löst eine stärkere Beschäftigung mit der eigenen Geschichte aus – und damit auch mit der Geschichte der portugiesischen MigrantInnen in Frankreich. Was bedeutet Herkunft? Wohin „gehört“ man? Kann es überhaupt so etwas wie „Heimat“ geben, und wenn ja, was bedeutet dies? Pedrosa setzt sich intensiv mit Sprache auseinander und skizziert wie durch Sprache Differenz und Gemeinsamkeit entstehen. Simons Versuche, sich mit wenigen portugiesischen Wörtern und mit Gestik und Mimik zu verständigen, machen sichtbar, dass wir mit vielen Wörtern und komplizierten Sätzen oft sehr wenig zu sagen haben. Daneben geht es um die Familie als sozialen Ort mit all seinen Widersprüchlichkeiten, um Eltern, die selbst oft nicht wissen, was sie tun sollen, um Kinder, die in den alltäglichen Konflikten der Erwachsenenwelt an den Rand gedrängt werden.

Lobenswert ist der Verzicht des Autors auf einfache Sentimentalitäten und Romantisierungen. Die Figuren werden empathisch skizziert, ohne auszublenden, dass Menschen aneinander Verletzungen zufügen – gewollt oder nicht. Weder das Portugal der Großeltern noch die eigene Familie in Frankreich eignen sich als (nostalgische) Oasen. Die Akteure kämpfen mit ihren Lebenssorgen und suchen nach einem „guten Leben“. Einfache Auswege sind nicht zu sehen, lediglich Versuche, die vielfach scheitern. Es wäre aber falsch, dies als „man kann ja eh nichts machen“ und als Aufforderung, sich mit seinen Schicksal abzugeben zu verstehen. Ganz im Gegenteil: Die sozialen Einengungen zu spüren und sich damit auseinander zu setzen, dient dazu, sie möglicherweise überwinden zu können. Die gesellschaftlichen und familiären Normen sichtbar zu machen, ermöglicht erst die Chance, über die eigenen Lebenswünsche nachzudenken.

Mit „Portugal“ ist eine interessante Erzählung gelungen und auf die LeserInnen wartet eine spannende Geschichte. Auch diejenigen, die möglicherweise bis jetzt mit Comics wenig anfangen können, werden nicht enttäuscht werden. Lediglich der sehr hohe Preis (39 Euro) dürfte ein wenig abschrecken. Hier wäre es zu wünschen, dass der Verlag eine günstigere Taschenbuch-Ausgabe herausbringt.

Erschienen in: Graswurzelrevolution (Nr. 371, September 2012)

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