Buchrezension: Nelkenrevolution reloaded? Krise und soziale Kämpfe in Portugal

“»Nelkenrevolution reloaded?« hat Ismail Küpeli sein Büchlein über »Krise und soziale Kämpfe in Portugal« genannt. Der Titel ist naheliegend, aber auch leicht irreführend. Naheliegend, weil die Revolution von 1974 das bedeutendste Ereignis der portugiesischen Nachkriegsgeschichte ist. Die gesamte europäische Linke war damals elektrisiert: Sollte es möglich sein, die demokratische Revolution weiter zu treiben – in Richtung auf einen neuen, auch für andere Länder beispielhaften Sozialismus? Warum daraus nichts wurde, erklärt der Autor kenntnisreich und gut nachvollziehbar. Die Kräfte, die sich dem Neoliberalismus entgegenstellten, waren zu schwach – und sie sind es auch in der Krise seit 2007, obwohl es beachtliche Massenmobilisierungen gab und gibt, mit traditionellen Mitteln wie Streiks und Demonstrationen, aber auch mit Versuchen, etwa durch Besetzungen und den Aufbau unabhängiger Zentren, Betriebe und Kommunikationswege Gegenmacht zu schaffen. Darüber berichten AktivistInnen der aktuellen Proteste im Schlusskapitel des Buches. Hier wird allerdings zugleich deutlich, dass eine neue »Nelkenrevolution« nicht zu erwarten ist. Große strategische Entwürfe haben auch die portugiesischen Protestbewegungen nicht zu bieten. Der Gebrauchswert von Ismail Küpelis Buch besteht in den darin gut aufbereiteten Fakten über Politik und Gesellschaft – lesenswert auch für die desillusionierten RevolutionstouristInnen der 1970er Jahre.” (Jens Renner)

In: analyse&kritik (Nr. 588, 19.11.2013)

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