Kategorie: Allgemein

Problembehaftete Antifa-Allianzen: Über die Hürden migrantischer Antifaschist*innen innerhalb der deutschen Linken

Spätestens seit dem Anschlag in Hanau im Februar 2020 wächst die Migrantifa-Bewegung in Deutschland. Immer mehr Migrant*innen und Geflüchtete wollen sich unabhängig von den bisherigen deutschen Antifa-Strukturen organisieren. Neuerliche Auseinandersetzungen um eine antirassistische Demonstration in Frankfurt am Main machen aber deutlich, dass manche alten Konfliktlinien nicht überwunden sind: Anfang Oktober 2020 organisierte die lokale Migrantifa-Gruppe gemeinsam mit anderen Organisationen eine antirassistische Demonstration, um auf die Situation der Geflüchteten in Moria aufmerksam zu machen. Bei der Demonstration hielt eine anti-israelische Gruppe eine Rede und es wurden Parolen gerufen, die sich als Aufruf zur Zerschlagung Israels deuten lassen. Damit positionieren sich die jeweiligen Migrantifa-Gruppen bei jenen Themen, mit denen sich auch die deutsche Linke beschäftigt – und viele alte Probleme tauchen wieder auf. […]

Problembehaftete Antifa-Allianzen: Über die Hürden migrantischer Antifaschist*innen innerhalb der deutschen Linken (Neues Deutschland, 12. Oktober 2020)

Der türkische Nationalismus als antipluralistische Ideologie

“In der Türkei hat sich seit über 100 Jahren eine Staatsideologie formiert, deren zentrale Säulen der Hass gegen Nicht-Muslime, die Ablehnung des Westens und das Streben nach einer homogenen türkischen Nation sind, in der die Einheit von Glaube, Sprache und Abstammung erreicht werden soll. Diese Staatsideologie hat seit etwa 40 Jahren einen stärker islamischen Charakter erhalten. Die türkisch-islamische Staatsideologie stellt in der Türkei das hegemoniale „Wissen“ dar und wird in Hochschulen und anderen Bildungseinrichtungen gelehrt und weiter reproduziert. Auch in Politik, Gesellschaft und Medien ist sie vorherrschend und erhält nur wenig Widerrede. Ganze Generationen sind mit dieser Staatsideologie aufgewachsen und haben so eine zutiefst antidemokratische und antipluralistische Weltsicht erhalten, in der die positiven Bezugspunkte nicht in der Moderne, sondern in den idealisierten und fantasierten Urzeiten der türkischen Nation und des Islam liegen”

Küpeli, Ismail (2020): Der türkische Nationalismus als antipluralistische Ideologie, in: Martin Jander / Anetta Kahane (Hrsg.): Gesichter der Antimoderne. Gefährdungen demokratischer Kultur in der Bundesrepublik Deutschland, Baden-Baden: Nomos Verlag, S. 305-318.

TuesdayTalk #12: Antifa – Gespräch mit dem Politikwissenschaftler und Historiker Ismail Küpeli


“In unserem zwölften TuesdayTalk hat Adrian Oeser den Politikwissenschaftler und Historiker Ismail Küpeli zu Gast, um über die verschiedenen Stränge der Antifa und über Antifaşist Gençlik zu sprechen.

Ismail Küpeli beschäftigt sich in seiner Tätigkeit als Politikwissenschaftler und Historiker mit der Analyse der Konflikte in der Türkei und im Nahen Osten. Ebenfalls analysiert und kommentiert er die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in der Türkei und Deutschland, insbesondere die staatlichen Politiken gegenüber Minderheiten. Momentan schreibt er seine Dissertation über die kurdischen Aufstände in der Türkei der 1920er und 1930er Jahre am Institut für Diaspora- und Genozidforschung an der Ruhr-Universität Bochum.

Die Antifa gilt als erste parteiunabhängige antifaschistische Bewegung in Deutschland, welche in Tradition des historischen Antifaschismus der 1920er Jahre steht, und trat in den 1970ern verstärkt in Erscheinung. In den 1990er Jahren weitete sich die Bewegung als Reaktion auf die steigende rechte Gewalt in Deutschland stark aus. Man kann jedoch nicht von einer einheitlichen Organisation bzw. einem Verein mit Mitgliedschaften reden, wenn man von der Antifa spricht. Vielmehr gibt es verschiedene Stränge, die sich auf den Begriff Antifa beziehen.

Antifaşist Gençlik entstand 1988 in Berlin an der Schnittstelle migrantischer Vereinskultur, autonomer antifaschistischer Politik und Jugendbanden des Kiezes. Sie waren ein einzigartiger Organisationsansatz im Kontext autonomer und antifaschistischer Politik in Deutschland. Aufgrund von staatlichen Repressalien lösten sich ihre Strukturen 1994 auf.

Wie lässt sich Antisemitismus an Schulen besser begegnen? Wie wirkt sich die Corona-Krise auf die Situation von Rom*nja aus? Und lässt sich – wie von Donald Trump gefordert – „die Antifa“ verbieten? Zu diesen und weiteren Themen laden wir einmal wöchentlich Expert*innen zum Gespräch, geführt von wechselnden Moderator*innen.”

TuesdayTalk #12: Antifa – Gespräch mit dem Politikwissenschaftler und Historiker Ismail Küpeli (Bildungsstätte Anne Frank, 14. Juli 2020)

Türkisch-nationalistisch und jung: Was muss sich nach der Gewalt in Wien-Favoriten ändern?

“Experten diskutierten über die Konsequenzen nach den Angriffen in Wien

Im Zentrum des interaktiven Talks standen diesmal die notwendigen Antworten auf die Gewalt in Favoriten. Das Thema beschäftigt die österreichische Innenpolitik schon seit Tagen: Innenminister Karl Nehammer will den Verfassungsschutz sowie Bundes-und Landeskriminalämter einschalten und die Rolle der Türkei hinter der Gewalt ermitteln lassen, Integrationsministerin Susanne Raab kündigt eine “Null-Toleranz-Politik an”.Doch genau diese Reduzierung der Debatte auf Schlagworte sei wenig hilfreich – so argumentierten zumindest die beiden anderen geladenen Experten bei “STANDARD mitreden”, der deutsche Politikwissenschafter Ismail Küpeli und die Rechtsextremismusforscherin Judith Goetz.

Die türkischen Vereine in Europa seien keine Befehlsempfänger aus Ankara, die polizeiliche Nachschau werde nicht viel bringen, sagte Küpeli. Die Beeinflussung geschehe indirekter, etwa indem Medien die politischen Debatten und Strömungen in der Türkei mit nach Österreich transportierten. Problematische Vereine zu finden, das sei zudem recht einfach möglich. Die meisten Verbände trügen problematische Slogans und Symbole offen vor sich her. Nur hätten die politisch Verantwortlichen es bisher verabsäumt, genau hinzusehen”

Türkisch-nationalistisch und jung: Was muss sich nach der Gewalt in Wien-Favoriten ändern? (Der Standard, 7. Juli 2020)

Die Linke in Zeiten der Krise

So wie man versucht, den gesamtgesellschaftlichen Rechtsruck aufzuhalten, muss man auch innerhalb der Linkspartei gegen rechte Tendenzen angehen.

Schon fast klischeehaft für einen Linken in Zeiten der Krise und der Abwehrkämpfe: Die Entscheidung nach über 25 Jahren politischer Aktivität als parteiunabhängiger Linke beschloss ich nach der Wahl von Thomas Kemmerich zum Thüringer Ministerpräsidenten am 5. Februar 2020 mit Stimmen der CDU, FDP und der faschistoiden AfD in die Linkspartei einzutreten. Weniger, weil man schlagartig eine ganz andere, positive Meinung von der Partei bekam. Und auch nicht, weil die Partei von einem Tag auf das nächste sich politisch völlig anders und viel näher bei einem selbst aufgestellt hatte. Sondern vielmehr, weil wieder mal deutlich geworden ist, dass man die Verteidigung der parlamentarischen Demokratie leider nicht der »bürgerlichen Mitte« überlassen kann. […]

Weiterlesen: Die Linke in Zeiten der Krise (Neues Deutschland, 18. März 2020)

Corona-Krise: Wo bleibt die Unterstützung für Familien?

[…] Aber das Problem ist nicht allein die Bundesregierung. Viele Menschen, die keinen Problem darin erkennen, wenn Erwachsene weiter in überfüllten Zügen zu Arbeitsstätten fahren, wo sie über viele Stunden Kontakt mit anderen Menschen haben, um sich dann nach Feierabend in Kneipen und Clubs in größeren Gruppen zu treffen, erwarten von den Kindern, diese harten Einschnitte zu akzeptieren. Eltern, die diese unhaltbare Situation ansprechen, werden Ziel des öffentlichen Spotts und Kritik. Auch das ist ein Teil des Problems.

Weiterlesen: Corona-Krise: Wo bleibt die Unterstützung für Familien? (Supernova, 17. März 2020)

“Wir sind hier. Es reicht! Deutschland hat ein Rassismusproblem. Hier sprechen 142 Menschen, die der Hass trifft”

“Der Terroranschlag von Hanau war für viele in Deutschland keine Überraschung. Schon lange warnen sie vor rassistischen Übergriffen, fühlen sich aber nicht ernst genommen. Was muss noch passieren, bis von Hass Betroffene geschützt werden, bis Rechtsradikalismus bekämpft wird, bis sich dieses Land endlich ändert? […]
Ismail Küpeli, Politikwissenschaftler und Historiker:
»Für die deutsche Mehrheitsgesellschaft war es und ist es sehr einfach möglich, den Rassismus hierzulande weg- oder kleinzureden. Aber selbst wenn es zu einer öffentlichen Debatte über Rassismus kommt, wird nicht der Rassismus selbst thematisiert – sondern nur die Motive und Argumente der Täter und Täterinnen. Stattdessen kommen Erklärungsversuche und Selbstzusicherungen, dass man selbst und die Mehrheit der Deutschen nicht rassistisch sei. Die Perspektive der von Rassismus Betroffenen bleibt oft ausgeblendet.« […]”

Weiterlesen: Wir sind hier. Es reicht! Deutschland hat ein Rassismusproblem. Hier sprechen 142 Menschen, die der Hass trifft (Zeit Online, 26. Februar 2020)