Kategorie: Rezensionen

Rezension: Die Mikrofinanz-Industrie

Gerhard Klas 2011: Die Mikrofinanz-Industrie. Die große Illusion oder das Geschäft mit der Armut. Assoziation A, Berlin/Hamburg.

Mikrokredite tragen zum Wirtschaftswachstum und zur Armutsreduktion bei, ohne die staatlichen Haushalte zu belasten – und würden noch zusätzlich Frauen und sozial Benachteiligten zur Selbstermächtigung verhelfen. Dieses schöne Bild wird durch das Buch „Die Mikrofinanz-Industrie“ von Gerhard Klas getrübt.

[…]

Es ist ein sehr lesenswertes Buch und der journalistische Schreibstil ermöglicht auch eine gute Lesbarkeit. Wer eine stärker wissenschaftliche Auseinandersetzung sucht, findet genug Quellenhinweise hierfür. Der Autor positioniert sich politisch eindeutig, ohne in Polemik zu verfallen. Sehr positiv ist auch die Kontextualisierung des Themas, die deutlich macht, dass es hier nicht um einen Aspekt für EntwicklungspolitikspezialistInnen geht, sondern um ein Thema, das das Leben von vielen Menschen elementar berührt.

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Rezension: Rassismus in der Leistungsgesellschaft

Die Tatsache, dass ein ehemaliger Berliner Senator mit absurden Thesen über die Gene von Juden und Basken einen Sachbuch-Bestseller landen konnte und dass Rassismus in Deutschland nicht erkannt wird, wenn das Wort „Rasse“ durch „Ethnie“ oder „Kultur“ ersetzt wird, war für viele Linke ein Schock. Auch diejenigen, die davon ausgehen, dass rassistische Denkmuster in Deutschland mehrheitsfähig sind, waren von der Heftigkeit der „Sarrazin-Debatte“ überrascht. Nach einem kurzen Moment des Taumelns wurden verschiedene Gegenstimmen hörbar. Während einige versucht haben, auf die bürgerlich-demokratischen Mindestnormen zu verweisen (so etwa dass eine Diskriminierung aufgrund von Religion und Herkunft nicht hinnehmbar ist), machten sich andere daran, die vermeintlich wissenschaftliche Argumentation hinter der Rede über „türkische Inzuchtclans“ auseinanderzunehmen. Es entstand eine ganze Reihe von Artikeln, Kommentaren, Aufsätzen und Büchern aus sehr unterschiedlichen Perspektiven und von unterschiedlicher Qualität, die in ihrer Gesamtheit viele Argumente lieferten, wie absurd und falsch die Thesen von Sarrazin sind.

Diese Phase ist weitgehend abgeschlossen. Wer nach der ganzen Debatte immer noch der Meinung ist, dass es naives „Gutmenschlertum“ ist, Sarrazin nicht recht zu geben, da würden wahrscheinlich weitere Argumente auch kein Umdenken herbeiführen. Nötig wäre jetzt eine Beschäftigung mit der Sarrazin-Debatte als „diskursives Ereignis“, also die Fragen danach, auf welche Denk- und Deutungsmuster hier zurückgegriffen werden konnte und welche politischen und gesellschaftlichen Modelle in dieser Debatte forciert wurden. Einen wichtigen Beitrag hierzu leistet der Sammelband „Rassismus in der Leistungsgesellschaft“.

Die 14 Beiträge gruppieren sich unter den Kapiteln „Migration und Rassismus“, „Bevölkerungs- und Biopolitik“, „Kapital und Nation“ und „Interventionen und Perspektiven“. Der inhaltliche Mehrwert und die Lesbarkeit der einzelnen Beiträge schwanken, was für einen Sammelband recht typisch ist. Sehr gut gelungen ist das einleitende Kapitel des Herausgebers, in dem auf 32 Seiten die grundlegenden Thesen und Argumente aufgeschlüsselt werden. Die Verbindungen zwischen der Sarrazin-Debatte und den neoliberalen Gesellschaftsvorstellungen, die solche Debatten forcieren, werden im lesenswerten Beitrag „Zwischen neoliberaler Standortlogik und rechtspopulistischem Sarrazynismus“ von Christoph Butterwegge aufgezeigt. Wie in anderen Beiträgen deutlich sichtbar wird, richtet sich das Buch eher an eine akademische Leserschaft – ohne Kenntnis soziologischer Termini sind einige Texte nicht verständlich. Die analytische und eher akademische Schwerpunktsetzung zeigt sich auch daran, dass das letzte Kapitel „Interventionen und Perspektiven“ am kürzesten ausfällt und praxisnahe Ideen und Vorschläge weitgehend ausbleiben.

Das Buch ist insgesamt lesenswert, wenn auch die Sprache teilweise unnötig kompliziert ist. Denn die Stärke der Publikation liegt in der wissenschaftlichen Analyse und Kritik und so ist der qualitative Unterschied zu vielen anderen Veröffentlichungen im Zuge der Sarrazin-Debatte deutlich.

Sebastian Friedrich (Hg.) (2011): Rassismus in der Leistungsgesellschaft. edition assemblage, Münster.


Eine kürzere Fassung erscheint in: analyse&kritik, Februar 2012.

Rezension: Frankreich in Afrika – Eine (Neo)Kolonialmacht in der Europäischen Union zu Anfang des 21. Jahrhundert

Bernhard Schmid beschreibt das französische System der Sonderbeziehungen zu afrikanischen Staaten („Françafrique“), das eine tiefgehende Einmischung in die politischen und ökonomischen Fragen der afrikanischen Länder beinhaltet.

Als ab den 1950er Jahren afrikanische Staaten ihre Unabhängigkeit erklärten, bedeutete dies keineswegs, dass damit eine vollständige Souveränität erreicht worden war. Ehemalige Kolonialmächte wie etwa Frankreich und die neuen Weltmächte USA und Sowjetunion deklarierten jeweils Interessensphären und knüpften die neuen Staaten in vielfältige Abhängigkeitsverhältnisse ein. Diese Strukturen wirken auch nach dem Ende des Kalten Krieges und des Zusammenbruchs der Sowjetunion weiter.

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Rezension: Sozialismus und Arbeiterbewegung in Deutschland

Der Kampf gegen die Prekarisierung der Lebensverhältnisse und die Fragen danach, wie sich soziale Unzufriedenheit und Opposition organisieren lassen und inwieweit ein „gutes Leben“ hier und heute möglich ist, sind nicht erst heute zu beobachten. Es gibt eine Geschichte der Kämpfe und Organisierungsversuche, auf die sich die heutige Linke (als Bewegung) beziehen kann und sollte.

Allerdings scheint die frühe Geschichte der Arbeiterbewegung zunehmend nur noch für HistorikerInnen relevant zu sein. Gegenwärtige linke und klassenkämpferische AkteurInnen beziehen sich (wenn überhaupt) eher symbolisch auf die damaligen Kämpfe und Auseinandersetzungen. Mit dem Anspruch, hier Abhilfe zu schaffen, damit nicht “Erfahrungen der Vergangenheit in den politischen Auseinandersetzungen vergessen” (S. 202) werden, erschien das Buch “Sozialismus und Arbeiterbewegung in Deutschland”. Es soll keine bloße Einführungslektüre für GeschichtsstudentInnen sein, sondern bereits gemachte Erfahrungen für die gegenwärtigen sozialen Kämpfe nutzbar machen.

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Buchrezension: PKK – Perspektiven des kurdischen Freiheitskampfes: Zwischen Selbstbestimmung, EU und Islam

Die gegenwärtigen Debatten um die Aufnahme der Türkei in die Europäische Union haben zu einem wachsenden Interesse an der türkischen Innenpolitik geführt. In der Auseinandersetzung zwischen BefürworterInnen und GegnerInnen des EU-Beitrittes der Türkei spielt der Umgang des türkischen Staates mit ethnischen und religiösen Minderheiten eine zentrale Rolle. Der zentrale Konflikt dabei ist die „Kurdenfrage“, durch die die Türkische Republik seit ihrer Gründung geprägt ist.

Die „Kurdenfrage“ als Schlüsselkonflikt in der Türkei

Der zentrale Konflikt dabei ist die „Kurdenfrage“, durch die die Türkische Republik seit ihrer Gründung geprägt ist. Der Versuch des türkischen Staates, die kurdischen Regionen unter direkte Kontrolle zu bekommen, führte zu einer Reihe von Aufständen zwischen 1925 und 1938. Der Staat zerschlug die Aufstände durch massive militärische Gewalt und schreckte nicht davor zurück, auf Massaker und Vertreibungen von größeren Bevölkerungsgruppen zurückzugreifen. In den darauffolgenden Jahren haben kurdische AkteurInnen in der Türkei auf den bewaffneten Kampf weitgehend verzichtet und ihre Interessen durch zivile politische Mittel zu erreichen versucht. Allerdings waren die Antworten des türkischen Staates auf diese zivilen Ansätze Verbot von Organisationen und Verhaftung der AktivistInnen. Der Staat bestritt die Existenz einer kurdischen Bevölkerung in der Türkei, was dazu führte, dass türkische HistorikerInnen, SozialwissenschaftlerInnen und LinguistInnen die KurdInnen zu einem türkischen „Stamm“ erklärten und die Existenz einer eigenständigen kurdischen Sprache leugneten. Diese „Friedhofsruhe“ wurde dann Ende der 1970er Jahre mit der Entstehung von politischen Organisationen, die sich explizit als kurdische Akteure verstanden haben, durchbrochen. In den Kämpfen zwischen rivalisierenden kurdischen Gruppen bis zum Militärputsch 1980 setzte sich die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) unter Abdullah Öcalan durch. Während die meisten kurdischen Gruppen, ebenso wie viele türkische linke Gruppen, während der Militärdiktatur schnell zerschlagen wurden, überlebte die PKK diese Phase und begann 1984 mit einer Reihe von Angriffen auf die türkische Armee den offenen bewaffneten Konflikt. Seit dieser Zeit lässt sich die „Kurdenfrage“ in der Türkei nicht mehr von der PKK trennen.

Dieser Zusammenhang prägte auch die in den 1990er Jahren beginnende Beschäftigung mit dem Thema in Deutschland, wobei die „Kurdenfrage“ vielfach als Synonym für den bewaffneten Kampf der PKK genutzt wurde. Dies hat sich deutlich gewandelt: Während die Unterdrückung der kurdischen Bevölkerung eine – wenn auch beschränkte – Aufmerksamkeit erhält, lässt sich dies über die PKK nicht sagen: Die Zahl der deutschsprachigen Bücher, die in den letzten zehn Jahren über die PKK erschienen sind, lässt sich an einer Hand abzählen.

Eingeschränkte Perspektive…

Insofern ist das 510-seitige Buch „PKK – Perspektiven des kurdischen Freiheitskampfes“ für diejenigen, die sich mit dieser Organisation beschäftigen wollen, Pflichtlektüre. Denn eine andere aktuelle deutschsprachige Gesamtdarstellung der Geschichte der PKK von ihrer Entstehungsphase Ende der 1970er Jahre bis heute ist sonst nicht auffindbar. Gleichwohl hat das Buch eine spezifische politische Perspektive, die zu einem verminderten Erkenntnisgewinn führt.

Der Anspruch der beiden AutorInnen ist es nämlich, eine „solidarische Auseinandersetzung mit der PKK“ (S. 36) zu liefern. Ausgehend von dieser Solidarität ist eine um Objektivität und Neutralität bemühte Geschichtsschreibung nicht durchgängig gewährleistet. So werden beispielsweise bei der Darstellung der militärischen Auseinandersetzungen zwischen der PKK und der türkischen Armee ausschließlich die PKK-Angaben über die jeweiligen Verluste und Erfolge übernommen und die Angaben des türkischen Staates dagegen als bloße Behauptungen dargestellt. Diese Perspektive führt dann auch zu nicht haltbaren Behauptungen wie etwa, dass die Angriffe der PKK sich „stets gegen militärische Ziele oder Kollaborateure“ richten würden und dass die PKK „Angriffe auf unbeteiligte Zivilisten“ (S. 127) ablehnen würde. KritikerInnen und PKK-DissidentInnen werden diskreditiert – etwa durch Vorwürfe, dass sie angeblich Kontakte zum deutschen Bundesnachrichtendienst hätten oder durch die Unterstellung moralischer Verfehlungen (vgl. S. 106). Ebenso scharf ist das Urteil über diejenigen KurdInnen, die mit der Patriotischen Union Kurdistans (PUK) und der Demokratischen Partei Kurdistans (KDP) sympathisieren.

Des Weiteren setzen Brauns und Kiechle einige politische Prämissen, die umstritten bleiben müssen. So wird die PKK als die „unangefochten stärkste politische Kraft auf der kurdischen Seite“ (S. 36) deklariert, wodurch die Bedeutung und Eigenständigkeit der legalen kurdischen Parteien wie etwa der Partei des Friedens und der Demokratie (BDP) abgestritten wird. Ebenso gehen die AutorInnen davon aus, dass eine nachhaltige Lösung des Konflikts nur möglich sei, wenn neben der „kolonialen Unterdrückung auch der feudale Großgrundbesitz und der Kapitalismus abgeschafft“ (S. 499) werden. Die vorangegangene Geschichtsschreibung der AutorInnen ist darauf ausgelegt, diese Einengung der politischen Optionen auf das Szenario zu legitimieren, in dem die PKK als die alleinige Vertreterin der kurdischen Seite gilt und die Lösung der kurdischen Frage nur über eine antikapitalistische Revolution möglich ist.

Ausgehend von dieser Perspektive wird, nach einem kurzen Kapitel über die Geschichte der kurdischen Bewegungen bis zur Entstehung der PKK, auf etwa 100 Seiten die Geschichte der PKK dargestellt. Dabei werden die Wendepunkte in der Theorie und Praxis der PKK deutlich gemacht. Angefangen als kleine linksradikale Gruppierung hat sich die PKK in den 1990er Jahre zu einem militärischen Akteur entwickelt, der einige unzugängliche Regionen im Osten der Türkei kontrollierte. Die anschließende schrittweise militärische Niederlage gegen die türkische Armee führte dazu, dass die PKK ihren militärischen Schwerpunkt in den Nordirak verlagerte. Auch die Ideologie der PKK wurde immer wieder an die realpolitischen Gegebenheiten angepasst und geht von einem strikten Antiimperialismus der 1970er Jahre bis hin zu einer positiven Einschätzung der USA im Rahmen des Irak-Krieges 2003.

Nach diesem zentralen Teil der Publikation schließen sich zahlreiche Kapitel an. Neben der Betrachtung anderer kurdischer Akteure, wie etwa der kurdischen Parteien in der Türkei und in der kurdischen Autonomieregion im Nordirak, werden in einem längeren Kapitel die Zusammenhänge und Widersprüche zwischen der „Frauenfrage“ und der „Kurdenfrage“ diskutiert. Eine ausführliche Darstellung der türkischen Politik unter der moderat islamischen AKP-Regierung macht die widersprüchliche und aus der kurdischen Perspektive völlig unzureichende „Reformpolitik“ der AKP deutlich. Die Rolle der EU und Deutschlands werden in zwei weiteren kurzen Kapiteln skizziert. Das letzte Kapitel beschäftigt sich mit der „Klassenfrage“ und fokussiert dabei die kurdische Arbeiterklasse.

…und ein Gegengewicht

Insgesamt lässt sich feststellen, dass Brauns und Kiechle keine wissenschaftliche Geschichtsschreibung der PKK liefern. Allerdings trifft diese Einschätzung ebenfalls auf den Großteil der Literatur über die PKK zu, die mehrheitlich der Einschätzung des türkischen Staates folgt, wonach die PKK eine terroristische Organisation sei. Dabei wird vielfach unterschlagen, dass die PKK auch deswegen nach wie vor von Teilen der kurdischen Bevölkerung unterstützt wird, weil der türkische Staat massiv militärische Gewalt gegen ZivilistInnen einsetzt und jegliche zivile politische Betätigung von kurdischen AkteurInnen durch Verbote und Verhaftungen unterbindet. Brauns und Kiechle mit ihrer PKK-„solidarischen“ Perspektive können als „Gegengewicht“ gelesen werden, so dass reflektierte LeserInnen einiges über diese Organisation und die Weltsicht ihrer UnterstützerInnen erfahren können.

Nikolaus Brauns / Brigitte Kiechle 2010: PKK. Perspektiven des kurdischen Freiheitskampfes: Zwischen Selbstbestimmung, EU und Islam. Schmetterling Verlag, Stuttgart.

Erschien bei kritisch-lesen und in einer leicht geänderten Fassung in: DAVO Nachrichten 2/2011.

Buchrezension: Islam, State, and Society in Independent Azerbaijan

Sattarov, Rufat (2009): Islam, State, and Society in Independent Azerbaijan, Between Historical Legacy and Post-Soviet Reality with Special Reference to Baku and its Environs. Reichert: Wiesbaden, ISBN 978-3-89500-692-0

Die Islamdebatte in Deutschland hat dazu geführt, dass in hoher Taktzahl Veröffentlichungen auf den Markt geworfen werden. Viele der Publikationen basieren weniger auf (originärer) wissenschaftlicher Forschung, sondern beschränken sich vielmehr auf das Reproduzieren von bereits bekanntem Basiswissen, Banalitäten und Halbwahrheiten.
Von dieser Debatte weitgehend unbeachtet (und unberührt) findet jedoch weiterhin geistes-, gesellschafts- und geschichtswissenschaftliche Forschung über Religion, Politik und Gesellschaft in den islamischen Ländern statt. Begrüßenswert ist dabei, dass inzwischen auch bisher relativ unterbelichtete Zusammenhänge und Kontexte erschlossen werden. Ein Beitrag hierzu ist die Dissertation von Rufat Sattarov, die im Jahr 2009 in einer überarbeitete und erweiterten Fassung erschienen ist. Es handelt sich um eine der wenigen Veröffentlichungen zum Islam in Aserbaidschan.

Zunächst wird die Frühgeschichte des Islams in Aserbaidschan skizziert. Bedeutend für die späteren Entwicklungen war die erzwungene Konversion von Sunniten zur Schia unter der Herrschaft der Sawafiden. So entstand eine Zusammensetzung der beiden Hauptrichtungen des Islams, die für Aserbaidschan bis heute charakteristisch ist. Die anschließende Herrschaft der russischen Zaren war von einem fehlgeschlagenen Konversionsversuch zum Christentum und der anschließenden Kooptierung der islamischen Gelehrten und die Regulierung des religiösen Lebens bestimmt. Die aufkommende protonationalistische Bewegung in Aserbaidschan richtete sich folgerichtig sowohl gegen die russische Herrschaft als auch gegen die traditionellen religiösen Autoritäten. Nach einer zweijährigen Intermezzo der Unabhängigkeit Aserbaidschans wurde das Land Teil der Sowjetunion. Unter der sowjetischen Herrschaft wurden die islamischen Institutionen zerschlagen und Moscheen zerstört. Der Islam überlebte diese Phase lediglich als kulturelle Tradition ohne feste Strukturen.

Erst mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Wiedererstarken des aserbaidschanischen Nationalismus Anfang der 1990er Jahre gewann der Islam als Teil der nationalen Identität eine stärkere Rolle in der Öffentlichkeit. Nach der Unabhängigkeit Aserbaidschans kam es zu intensiven Aktivitäten religiöser Gruppen und Einrichtungen aus der Türkei und dem Iran – nicht zuletzt, weil vergleichbare Institutionen in Aserbaidschan nicht existierten. Eine spefizische Religionspolitik seitens des aserbaidschanischen Staates war in diesen Jahren nicht erkennbar. Erst die wachsende Relevanz islamischer Organisationen ab Mitte de 1990er Jahre führte zu einem Wandel. Das autoritäre Regime unter Heydar Aliyev versuchte, das religiöse Leben stärker zu reglementieren. Dabei bekämpfte sie die langsam entstehende islamische Opposition und beendete die Aktivitäten islamischer Gruppen aus dem Ausland. Die Regierung bediente sich dabei auch des Anti-Terror-Diskurses, um ihre Repression als Kampf gegen den Islamismus zu tarnen. Gleichzeitig wurde eine staatliche Religionsbehörde aufgebaut und die ausländischen islamischen Geistliche durch regimetreue Aserbaidschaner ersetzt.

Diese Maßnahmen trugen mit dazu bei, dass sich ein „politischer Islam“ nicht etablieren konnte. Für alle relevanten Parteien spielt die Religion nur eine untergeordnete Rolle und der Islam wird lediglich als Teil der aserbaidschanischen Nationalkultur verstanden. Das Regime wacht darüber, dass dies so bleibt. Als bei den Präsidentschaftwahlen 2003 einige islamische Geistliche ihre Unterstützung für die Opposition erklärten, sorgte die staatliche Repression bei den nächsten Wahlen 2008 dafür, dass dies sich nicht wiederholte. Jegliche Ansätze einer oppositionellen Organisierung innerhalb der religiösen Gemeinden wird als Islamismus, Fundamentalismus und Terrorismus deklariert und bekämpft. Die zunehmende Relevanz der Religion für die Menschen in Aserbaidschan führt so nicht zu einer wachsenden politischen Rolle des Islams.

Fazit: Die Studie von Sattarov ist für alle, die sich für Aserbaidschan oder für die Rolle des Islams im postsowjetischen Raum interessieren, sehr zu empfehlen.

Eine leicht geänderte Fassung erscheint in: DAVO Nachrichten 2/2011

Rezension: Deutsche Opfer, sowjetische Täter

Detlef Brandes / Holm Sundhaussen / Stefan Troebst (Hg.) (2010): Lexikon der Vertreibungen. Deportation, Zwangsaussiedlung und ethnische Säuberung im Europa des 20. Jahrhunderts.

Die deutsche Geschichtsschreibung ist vielfach von Ethnozentrismus geprägt – auch dann, wenn HistorikerInnen eine breitere Perspektive proklamieren. Eine Darstellung der Vertreibungen und Massaker wird zu einer Erzählung über deutsche Opfer und sowjetische Täter, einschließlich blinder Flecken und Leerstellen.

Die Idee des Nationalstaates ist untrennbar mit der Homogenisierung der Bevölkerung verbunden. Genozide, Massaker und Vertreibungen dienen neben weniger gewaltsamen Methoden dazu, diese Homogenisierung zu erreichen. Dies beschränkt sich keineswegs nur auf autoritäre Systeme oder gar nur auf „totalitäre“ Regime. Demokratische Staaten waren durchaus in der Lage, Teile der Bevölkerung als „anders“ zu definieren und diese Gruppen dann mehr oder weniger gewalttätig zu dezimieren. (Vgl. Mann 2007: 109ff)

Der Durchsetzung des Nationalstaates als die dominante Form der politischen Ordnung führte so dazu, dass unzählige Gruppen Opfer staatlicher Gewalt wurden. Einen Ausschnitt dieser Geschichte soll das Lexikon der Vertreibungen (Brandes u.a. 2010) darstellen. Das 800-seitige Lexikon mit über 300 Artikeln beschränkt sich auf Europa im 20. Jahrhundert. Eine umfassende Rezension zu liefern, wäre sowohl aufgrund der Textmenge als auch aufgrund der Unterschiedlichkeit der einzelnen Artikel recht schwierig. Hier sollen einige Leerstellen und Merkwürdigkeiten exemplarisch erwähnt werden.

Die erste Auffälligkeit ist, dass das Schicksal vertriebener Deutscher sehr viel Platz erhält. Allein unter „Deutsche aus …“ lassen sich 22 Artikel finden, so etwa „Deutsche aus Dobruscha“. Problematisch ist aber nicht nur das quantitative Übergewicht „deutscher“ Artikel: Wie im Dobruscha-Artikel dargestellt wird, handelt es sich hierbei um die freiwillige Übersiedelung von ca. 14.000 Deutschen aus Rumänien in das Deutsche Reich, wobei das zurückgelassene Eigentum erstattet wurde. Offen bleibt, ob es sich hier überhaupt um Vertreibung handelt. Im Übrigen erhält diese Übersiedlung im Lexikon in etwa gleich viel Raum wie der Genozid an denr Armeniern (1915) im Osmanischen Reich mit über eine 1 Millionen Todesopfern.

Diese Konzentration auf die deutschen Vertriebenen wird im Übrigen weder thematisiert noch erklärt. Eine wohlwollende Erklärung könnte sein, dass die Autoren das Buch ausschließlich für Leser konzipiert haben, die bisher wenig über deutsche Vertriebene erfahren konnten. Diese Erklärung wäre allerdings absurd, weil die Erinnerung an die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland organisiert und mit staatlicher Unterstützung gepflegt wurde. Dies lässt sich anhand der über 50jährigen Geschichte des Bundes der Vertriebenen (BdV) und der deutschen Debatten der letzten Jahrzehnte (einschließlich derer in den Massenmedien) nachvollziehen.

Eine weitere Merkwürdigkeit bezieht sich auf die Sowjetunion als Täterin von Vertreibungen und Massaker. So geht es bei dem einzigen Artikel über die Kurden um die etwa 10.000 Kurden, die in der Sowjetunion in den 1930er und 1940er Jahren nach Zentralasien deportiert wurden, und die Benachteiligung der Kurden in den postsowjetischen Staaten Armenien und Aserbaidschan. Dass die Kurden im Iran, Irak und Syrien nicht erwähnt sind, lässt sich noch mit der Begrenzung auf Europa eventuell erklären. Aber dass die Kurden in der Türkei völlig ausgeblendet werden, ist sehr merkwürdig. Weder die Vertreibungen und Massaker noch die kurdischen Aufstände gegen die staatliche Türkisierungspolitik werden erwähnt.

Jetzt könnte spekuliert werden, worauf das zurückzuführen ist. Ist es lediglich ein Eurozentrismus, der sich nach jahrzehntelangen Debatten immer noch aufrecht erhalten kann? Oder geht es weniger um die Kurden als Opfergruppe, als vielmehr um die Betonung der sowjetischen Vertreibungen? Oder wusste der Autor einfach nichts über das Schicksal der kurdischen Bevölkerung in der Türkei?

Was lässt sich also über das Lexikon der Vertreibungen sagen? Auf einer methodischen Ebene lassen sich zwei zentrale Schwachstellen ausmachen. Erstens handelt es sich hierbei nur bedingt um eine gesamteuropäische Geschichte der Vertreibungen – zumindest wenn man Europa nicht mit Mittel- und Osteuropa gleichsetzt. Zweitens führt die Konzentration auf die deutsch-sowjetische Geschichte dazu, dass dieser Blickwinkel auch dort dominiert, wo andere Zusammenhänge relevanter wären. Auffällig ist, dass diese beiden Schwachstellen im starken Kontrast zu den konzeptionellen Überlegungen der Herausgeber im Vorwort stehen. Hier ist die Rede von einem weiten Europabegriff, der „Levante und Kaukasus (…) miteinschließt, desgleichen auch die asiatischen Bestandteile von Zarenreich bzw. Sowjetunion“ (S. 8) und dass „alle Zwangsmigrationen in Europa gleichgewichtig“ (ebd.) behandelt werden sollen, unabhängig davon, ob Deutsche beteiligt waren. Angesichts eines solchen Selbstanspruchs der Herausgeber fallen diese beiden Punkte besonders stark ins Gewicht.

Möglicherweise ist diese Kritik jedoch zu wohlwollend und übersieht, dass das Lexikon der Vertreibungen dreierlei bewirkt. Erstens werden die Unterschiede zwischen Genozid, Massaker, Vertreibungen und „sanfteren“ Formen der Bevölkerungspolitik verwischt. Zweitens wird ein Geschichtsbild konstruiert, in dem viel von deutschen Opfern und sowjetischen Tätern die Rede ist. Dies alles führt dazu, dass das Lexikon politisch fragwürdige Tendenzen in den deutschen Geschichtsdebatten fördert.

Zusätzlich verwendete Literatur:
Mann, Michael (2007): Die dunkle Seite der Demokratie. Eine Theorie der ethnischen Säuberung. Hamburger Edition, Hamburg.

Erschien bei kritisch-lesen und in kürzerer Fassung in iz3w: iz3w (Nr. 326, September/Oktober 2011)

Rezension: Islamfeindlichkeit in Deutschland

Bühl, Achim (2010): Islamfeindlichkeit in Deutschland. Ursprünge, Akteure, Stereotype. VSA-Verlag, Hamburg.

Die Existenz einer Feindschaft gegenüber Muslimen in Deutschland wird, spätestens seit der Sarrazin-Debatte immer weniger in Frage gestellt. Dieser Befund wird durch empirische Untersuchungen (etwa des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung in Bielefeld) bestätigt, in denen die Akzeptanz antimuslimischer Ressentiments durch breite Bevölkerungsschichten in Deutschland und Europa nachgewiesen wurde.

Allerdings bleiben viele andere Aspekte nach wie vor umstritten. So ist die Frage nach der richtigen Begriffswahl in der deutschsprachigen Literatur noch ein Streitpunkt. Je nach Autor, Erkenntnisinteresse und politischer Ausrichtung wird etwa von Islamophobie, Islamfeindschaft oder antimuslimischem Rassismus gesprochen, um einige der Begriffe zu nennen (Dagegen hat sich in der englischsprachigen Debatte „Islamophobia“ gegenüber anderen Begriffen eindeutig durchgesetzt). Aber auch die gesellschaftliche Relevanz dieser Feindschaft und die Vergleichbarkeit zum Antisemitismus werden kontrovers debattiert.
Achim Bühl, ein Teilnehmer dieser Debatten, hat jetzt seine politische Positionierung in einem Buch veröffentlicht. Das Buch selbst fällt in zwei Teile. Die erste Hälfte beschäftigt sich mit der historischen Islamfeindlichkeit und dem Islam selbst. Hier werden auf etwa 120 Seiten viele Themen angerissen: Die Kreuzzüge, die Türkengefahr im Mittelalter, Martin Luthers Antisemitismus und Islamfeindschaft, die Reconquista in Spanien, der Orientalismus, Karl May, Max Weber und die deutsch-türkischen Beziehungen. Es schließt sich ein kürzeres Kapitel an, in dem betont wird, inwiefern Islam ein Teil der europäischen Kultur und eine dem Christentum und Judentum verwandte Religion ist – mit der Absicht, die Konstruktion des Islams als anders und fremd zu durchbrechen.

In dieser ersten Hälfte sind neben einigen interessanten Überlegungen, wie etwa über die Bedeutung der Reconquista für weitere Entwicklungen von Antisemitismus und Islamfeindlichkeit, leider viele Mängel festzustellen. Erstens ist die Auswahl der Quellen und Literatur sehr fragwürdig. Die umfassende wissenschaftliche Literatur wird zu selten berücksichtigt, es wird überwiegend aus beliebigen Internetseiten geschöpft. Zweitens ist die Wahl, Verknüpfung und Gewichtung der Aspekte, die in den Kapiteln über die historische Islamfeindlichkeit behandelt werden, nicht nachvollziehbar. Sprunghaft werden einzelne Diskurse und Debatten zu den jeweiligen Jahrhunderten erwähnt, ohne dass ein roter Faden und Verbindungslinien sichtbar werden. Ob und wie Akteure aus diesen Debatten sich aufeinander bezogen haben, wird nicht näher ausgeführt. So bleibt die Begründung für die These, dass hier eine tausend Jahre alte Islamfeindlichkeit festzustellen sei, eher dürftig.

Wesentlich anregender und interessanter ist die zweite Hälfte, die sich um die moderne Islamfeindlichkeit dreht. Zwar ist auch dieser Teil eher eine politische Positionierung als eine wissenschaftliche Untersuchung und auch hier ist die Auswahl und Qualität der verwendeten Quellen und Literatur stellenweise fragwürdig. Des Weiteren werden Begriffe wie „Antimohammedanismus“ kreiert, die sich weder in der wissenschaftlichen noch in der öffentlichen Debatte wiederfinden lassen. Hier wäre es sinnvoller gewesen, den wissenschaftlichen Forschungsstand für die öffentliche Debatte zu übersetzen – also eine Vereinfachung und Entdifferenzierung der wissenschaftlichen Debatte zu leisten. Stattdessen werden weitere Themen angeschnitten, die dann vielfach unzureichend diskutiert werden. So werden auf gerade Mal einer Seite der islamische Antisemitismus und der „islamfeindliche Antisemitismusvorwurf“ angerissen. Eine solche Vorgehensweise führt eher zu Verwirrungen als zur Klärung kontroverser Themen.

Aber immerhin: Der Autor konzentriert sich mehrheitlich auf die Islamdebatte in Deutschland und leistet hier eine fundierte Kritik an antimuslimischen Ressentiments. Bühl schießt dabei manchmal über das Ziel hinaus, wenn er etwa die entwicklungspolitische Gruppe Aktion 3. Welt Saar als rassistisch bezeichnet und ihr eine ideologische Nähe zu Samuel Huntington und dem „historischen Sendungsbewußtsein des imperialistischen Kolonialismus“ (S. 253) unterstellt. Abgesehen von solchen Merkwürdigkeiten findet sich vielfach eine engagierte politische Positionierung gegen Islamfeindlichkeit. Die Akteure und Positionierungen in der Islamdebatte werden aufgeschlüsselt, als islamfeindlich eingestufte Inhalte verrissen. Die deutliche Benennung und die übersichtliche Darstellung geht zwar auf Kosten einer ausdifferenzierten wissenschaftlichen Analyse, ist aber für die politische Debatte durchaus vorteilhaft.

Insgesamt scheint es fast so, als würde sich die Islamdebatte in diesem Buch widerspiegeln. So finden sich hier ebenfalls dürftig belegte Behauptungen und falsche Verknüpfungen neben überzeugenden Analysen und nachvollziehbarer Kritik. Die methodischen und inhaltlichen Mängel in der ersten Hälfte und manche allzu polemische Formulierung in der zweiten Hälfte des Buches bieten offene Flanken für Verrisse, wie sie in der FAZ (4. April 2011) zu lesen waren – und können auch von wohlwollenden Lesern kaum übersehen werden. Eine Konzentration auf die Debatten in Deutschland wäre die richtige Entscheidung gewesen, die leider versäumt wurde.

Erschien bei kritisch-lesen und in kürzerer Fassung in iz3w: iz3w (Nr. 325, Juli/August 2011).

„Ereignisse“ vom 6-7 September 1955

Die Schaffung und Konsolidierung von Nationalstaaten ist untrennbar mit der (gewaltsamen) Marginalisierung von Minderheiten verbunden. Die Grenzen zwischen der Nation und den „Anderen“ können ethnisch und/oder religiös begründet sein. Die Folgen solcher Grenzsetzungen gleichen sich vielfach und reichen von erzwungener Assimilation bis hin zur Vertreibungen und Genoziden.
Allerdings sind die Mitglieder einer Minderheit auch nach der Konsolidierung des Nationalstaates nicht sicher vor weiteren gewaltsamen Übergriffen. Auch eine umfangreiche Assimilation kann es nicht verhindern, dass sie nach wie vor als „anders“ und damit als nicht gleichberechtigt angesehen werden. Bei größeren politischen und sozialen Krisen müssen sie befürchten, Opfer von Pogromen zu werden – sei es, weil sie als Sündenböcke herhalten müssen oder weil sie oft die schwächsten und wehrlosesten Opfergruppen bilden.
Diejenigen Mitglieder der Minderheiten, die Pogrome überleben, sind (neben den körperlichen und psychischen Verletzungen) damit konfrontiert, dass das Erlebte totgeschwiegen und negiert wird.
Der Pogrom von Istanbul 1955 ist hier keine Ausnahme. Dies zeigt sich bereits daran, wie er in der Türkei genannt wird: Die „Ereignisse vom 6-7 September“. Auch diejenigen, die an die „Ereignisse“ erinnern wollen, müssen diese Sprechweise teilweise übernehmen – und sei es nur, um staatlicher Zensur zu entgehen. So konnte 2005 eine Fotoausstellung in Istanbul über die „Ereignisse“ eröffnet werden, die auf wissenschaftlicher Ebene von einer Studie von Dilek Güven gestützt wurde. Die Ausstellung wurde von türkischen Nationalisten gestürmt und teilweise zerstört – unter den Augen der Polizei. Auch die Entstehung der Studie selbst zeigt, dass das Erinnern schwierig ist. Das Buch basiert auf D. Güvens Dissertation, die sie an einer deutschen Universität schrieb und dann ins Türkische übersetzt wurde. Leider wurde die deutschsprachige Fassung nicht veröffentlicht und so bleibt für nicht-türkischsprachige Leser nur eine 14 seitige Zusammenfassung, die in der Publikation von 2005 enthalten ist.
Die Studie fällt in zwei Teile. Zuerst werden die „Ereignisse“ auf der Basis von Zeitzeugengeprächen, Zeitungsberichten und anderen Veröffentlichungen dargestellt. Dabei fällt auf, dass bereits die Angaben über der Zahl der Toten und Verletzten sowie der zerstörten und geplünderten Häuser, Kirchen und Geschäfte nicht sicher ermittelt werden können. Aber selbst die offiziellen türkischen Angaben sprechen von 11 Toten, mindestens 300 Verletzten und über 5000 beschädigten oder zerstörten Gebäuden. Die Angriffe waren gut vorbereitet und richteten sich mehrheitlich gegen „Griechen“, seien es griechische Staatsbürger oder griechischsprachige Bürger der Türkei. Es gab allerdings auch Angriffe gegen Armenier und Juden. Der Pogrom verstärkte die die Tendenz zur Auswanderung in den Minderheiten und in der Folgezeit verließen die meisten „Griechen“ Istanbul.
In diesen ersten Kapiteln wird der Verlauf der „Ereignisse“ solide und sicher dargestellt. Eine größere Relevanz erhält die Studie durch die hervorragende Kontextualisierung der „Ereignisse“ in die ethnische Homogenisierungspolitik des türkischen Staates. Auch wenn der unmittelbare zeitliche Kontext die Auseinandersetzungen zwischen der Türkei, Griechenland und Großbritannien über die politische Zukunft Zyperns war (Türkei und Griechenland agierten als Fürsprecher der „Türken“ und „Griechen“ in Zypern), lässt sich der Pogrom in Istanbul als Teil einer Politik der türkischen Staates verstehen, die seit der Gründung der Republik 1923 darauf zielte, ethnische und religiöse Minderheiten zu vertreiben. Schon im ersten Jahr des neuen Staates wurden etwa 1,5 Millionen Menschen griechisch-orthodoxen Glaubens aus der Türkei vertrieben. Ab 1924 wurden durch staatliche Verordnungen Nicht-Muslime sukzessiv aus vielen Berufsgruppen verdrängt. Die Diskriminierung und Ausgrenzung führte auch jenseits von Vertreibungen und Pogromen dazu, dass Menschen aus den Minderheiten die Türkei verließen. Allerdings gab es immer wieder größere Auswanderungswellen, so etwa 1934 nach den antijüdischen Pogromen in Thrakien und 1942 nach einer Vermögenssteuer (“Varlık Vergisi”), die faktisch zu einer Enteignung von Nicht-Muslimen führte. Güven macht deutlich, dass der Pogrom von 1955 kein Einzelereignis ist und auch kein unvorhersehbarer Ausbruch seitens eines Mobs, sondern die tödliche Konsequenz einer staatlichen Homogenisierungspolitik.
Eine deutschsprachige Veröffentlichung der Studie wäre sehr wünschenswert. Neben der hervorragenden Arbeit von C. Guttstadt über das Schicksal der jüdischen Minderheit in der Türkei wäre die Studie von D. Güven eine sehr gute Ergänzung, insbesondere weil hier die Politik des türkischen Staates in den 1950er und 1960er Jahre analysiert wird.

Ismail Küpeli

Dilek Güven: 6-7 Eylül Olayları. Tarih Vakfı, Istanbul 2005.

Rezension: Die dunkle Seite der Demokratie

Der Titel erzeugt hohe Erwartungen und der Autor verspricht viel: Die These, dass die Entstehung von Demokratie und Gewalt gegen ethnische Minderheiten zusammenhängen, soll theoretisch beschrieben und empirisch belegt werden. Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis weckt erste Irritationen: Etwa ein Drittel der 781 Seiten beschäftigt sich mit dem nationalsozialistischen Genozid an den Juden. Dabei war das NS-Regime weder demokratisch noch lässt sich das Zeitraum zwischen 1933 und 1945 als ein Demokratisierungsprozess verstehen. Warum der Holocaust hier behandelt wird, und dazu noch in einer solchen Breite, bleibt offen.
Doch zurück zum Text: Die grundlegende Überlegung ist, dass in der Demokratie als „Volksherrschaft“ und als Herrschaft der Mehrheit auch die Option der gewaltsamen Homogenisierung der Staatsbevölkerung angelegt ist. Oder wie Michael Mann es ausdrückt: Wenn Demokratie als Herrschaft des „demos“, d.h. der einfachen Bevölkerung, mit der Herrschaft eines „ethnos“, d.h. einer ethnischen Gruppe, zusammenfällt: Was soll dann mit denjenigen geschehen, die nicht zu dieser ethnisch definierten Gruppe gehören?
Hier wird ein breites Spektrum an möglichen staatlichen Maßnahmen skizziert. Es reicht von föderalistischen Modellen, in denen die ethnische Minderheiten soziale und kulturelle Rechte erhalten, bis hin zum Genozid, d.h. der gewaltsamen Auslöschung der Minderheit.
Dabei schließt sich Mann (eher implizit) der „funktionalistischen“ Schule innerhalb der Genozidforschung an, wenn er davon ausgeht, dass die politischen Strategen von staatlichen Gewaltpolitiken nicht von Anfang an auf die gewaltsame Auslöschung der Minderheit setzen, sondern lediglich auf Unterdrückung und/oder Vertreibung zielen und erst wenn dies scheitert auf Völkermord zurückgreifen. Allerdings ist diese Position für einige Fälle, die im Buch dargestellt werden, durchaus umstritten: Sowohl beim Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich (1915) als auch beim Holocaust lassen sich eindeutige Aussagen finden, die deutlich machen, dass die politischen Eliten sich recht früh auf die Vernichtung der Opfergruppen festgelegt hatten.
Die Einbeziehung dieser beiden Fälle erzeugt ein weiteres Problem: Mann geht davon aus, dass ethnische Säuberungen darauf zurückzuführen sind, dass zwei Ethnien sich um die Staatsmacht streiten und dabei die dominante Ethnie auf Massenmord zurückgreift, um ihre Macht zu erhalten. Oder anders gesagt: Der Genozid wird auf einen realen Konflikt um die Macht im Staat zurückgeführt. Von einem solchen Konflikt kann aber beim Holocaust nicht die Rede sein. Dies gilt auch für das Osmanische Reich: Die Armenier waren keine Bedrohung für das Regime. Die armenische Minderheit galt vielmehr als sehr regimeloyal. Mann versucht diesen Widerspruch zu lösen, indem er der NS-Führung unterstellt, sie hätte tatsächlich geglaubt von einer jüdischen Weltverschwörung bedroht zu sein. Im Falle des Osmanischen Reichs übernimmt er teilweise die Position des türkischen Staates, die ebenfalls statt Genozid von „tragischen Ereignissen“ im Kontext der Kämpfe zwischen türkischen Soldaten und armenischen Rebellen spricht.
Vielleicht wäre es sinnvoller gewesen, diese beiden Fälle, die nicht recht in das Erklärungsmodell von Mann passen, außen vor zu lassen. Die Kapitel über die theoretischen Zusammenhänge von Demokratie und Gewalt gegen ethnische Minderheiten sind dagegen sehr erkenntnisbringend, ebenso wie die Analyse der „Siedlerdemokratien“ in Nordamerika und Australien. Hier zeigt sich der Erklärungsansatz von einer stärkeren Seite, wenn beschrieben wird, wie die „weißen“ Gesellschaften intern relativ demokratisch verfasst waren, gegenüber der „nicht-weißen“ Bevölkerung aber eine mörderische Politik verfolgten. Diese Vertreibung und Vernichtung der indigenen Bevölkerungen bildet dann die Grundlage für Gesellschaften, in der die „nicht-weißen“ Gruppen nur noch als „Minderheit“ existieren und von der „weißen“ Mehrheitsgesellschaft dominiert werden. Mann weist daraufhin, dass wenn diese eindeutige „weiße“ Dominanz gesichert ist, Konzepte wie „Multikulturalismus“ aufgegriffen werden, da jetzt die „weiße“ politische Dominanz nicht mehr von anderen ethnisch definierten Gruppen in Frage gestellt werden kann.
So wünscht man sich nach den ersten etwa 150 Seiten, dass diese Überlegungen fortgeführt werden. Stattdessen verschiebt sich der Fokus auf die beiden „spektakulären“ Fälle, die allerdings wenig erkenntnisbringend sind. Es bleibt ein zwiespältiges Bild.

Michael Mann: Die dunkle Seite der Demokratie – Eine Theorie der ethnischen Säuberung. Hamburger Edition, Hamburg 2007.

Ismail Küpeli